Faszinierender nichts als das Nichts. Das Geheimnis großer Philosophie und Kunst, das Geheimnis kleiner Parteien. Die FDP, die heimliche Liebe der Deutschen, verkörpert es geradezu metamorphisch, in immer neuer Gestalt. Hans-Dietrich Genscher, unvergessen, das breite Nichts, Guido Westerwelle, das schmale Nichts. (Wird vielleicht noch ein breites draus, wer weiß!) Kaspar Hauser, so hat Westerwelle vor kurzem verlautbart, sei eine seiner Lieblingsgestalten in der Geschichte.

Kaspar Hauser! Das ist das erste Bekenntnis von des Generalsekretärs dünnen Lippen, das uns aufhorchen läßt. Denn wer immer das arme Findelkind nun wirklich gewesen sein mag, der Unbekannte, der 1828 in der kleinen Residenzstadt Ansbach auftauchte und bald darauf ermordet wurde, er ist - fern aller medizinischen Diagnosen - zum Symbol geworden für den autistischen Menschen schlechthin. Und damit ist Herr Westerwelle schon ziemlich nah dran am Geist der Zeit, unserer Zeit.

Selbstverständlich: Autismus ist eine Krankheit, nichts weiter. Sie verschließt den Menschen, den sie trifft, wie in einen Sarg aus Glas, unerreichbar für die Welt. Allenfalls harte therapeutische Arbeit gibt ihm die Chance, sich zu befreien, wie es zum Beispiel dem wunderbaren Dichter Birger Sellin gelungen ist.

Und doch können wir nicht widerstehen, die Krankheit als Metapher zu nehmen - ein Vormittag in einem Einkaufszentrum, ein Nachmittag auf der Autobahn, ein Blick ins FDP-Programm genügen. Das ist nicht mehr der vitale Egoismus des 19. Jahrhunderts, den Dickens und Balzac noch so liebevoll geschildert haben, die furiose Selbstgier, stets und überall im Kampf für sich, mit sich, um sich, in der bohrenden Sorge, mehr als genug zu bekommen, geizig bis zur Selbstverzehrung, ehrgeizig bis zur Weltvernichtung und immer getrieben von der Not, alles auszusaugen, was einem nahe kommt, es sich einzuverleiben und furzend zu verdauen . . . Vorbei, vergangen jene krachenden Tage und wütigen Temperamente - verschwunden in der sanften Gegenwart des blühenden Autismus: Menschen, unbekannt mit der Welt, die sie umgibt, die sie nicht mehr reizt, eingegossen wie in Glas. Der Autist als Phänotyp der Stunde.

Oh, nein, er ist nicht einfach rücksichtslos. Nicht böse, tückisch, hintertrieben. Er verhält sich nicht ungezogen - er verhält sich gar nicht mehr. Denn das braucht er nicht. Er braucht sich nicht mehr zu kümmern; ihn berührt nichts mehr. Was immer nach ihm kommen wird, ob Sintflut oder nur ein Regenschauer: Lautlos gleiten die Türen vor ihm auf und hinter ihm wieder zu.

Leblos schwebt er in sich selbst. Leicht wie ein Kind, rundumbeschallt, lichtfest verblendet, vollverlächelt gleitet er durch die Infantilgesellschaft. Die Zweifel, die Ängste, die selbst dem wackeren alten Egoisten von einst das Leben noch zur Arbeit machten, kennt er nicht mehr. In verspiegelten Autos, die sich die Landschaft unterworfen, in verspiegelten Häusern, die sich die Städte untertan gemacht haben, wuchert er dahin, in freundlicher Apathie, in zufriedener Agonie.

Was bedeutet ihm Zukunft? Was heißt für ihn Bewahren? Begriffe einer Sprache, die er nicht versteht. Er ist Benutzer. Er ist Verbraucher. Ab und an murmelt er in seiner eigenen seltsamen Sprache. Wettbewerb! und Leistung, kann man dann hören, und Verantwortungsgesellschaft. Solche Wörter liebt er. Er lutscht daran wie Kinder an dicken, bunten Zuckerstangen und wirkt dabei fast fröhlich. Vor allem aber: verbraucherfreundlich. Verbraucherfreundlich ist sein liebstes Wort. Es ist der Schlüssel zu einem Rest Welt, seiner Welt: Kaspar Hauser 96, ohne Eifer, ohne Zorn.