Dieses Photo machte Ré Soupault 1934 in Paris. Es zeigt das Stilleben eines Hinterhofes in der Rue Froidevaux im 16. Arrondissement. In dieser Straße betrieb Ré Soupault einige Jahre lang ein Modegeschäft mit dem Namen Ré Sport, wo sie Kleider entwarf und verkaufte, die praktisch, sachlich und auf unauffällige Weise avantgardistisch waren, Kleider für den Zwanziger-Jahre-Typ der arbeitenden oder angestellten Frau, die nicht viel Geld hatte oder keine Zeit, sich je nach Gelegenheit ein paarmal am Tag umzuziehen. Ré Soupaults spezielle Erfindung war ein Stück, das sie "Verwandlungskleid" nannte. Es war ganz einfach und gerade geschnitten und auf den ersten Blick ganz unraffiniert, ließ aber mit ein paar Handgriffen mehr als zehn Variationen - mal hochgeschlossen, mal dekolletiert, mal enger, mal weiter Rock - aus sich herauszaubern.

Ré Soupault, eine in Pommern geborene Deutsche, hatte in den zwanziger Jahren am Weimarer Bauhaus studiert. Sie hatte mit großer Begeisterung die legendären "Vorkurse" des Künstlers und Kunstpädagogen Johannes Itten besucht, der die Augen seiner Schüler vor allem für zwei Dinge öffnen wollte: für die Ausdrucksbreite einfachster Formen wie Dreiecke und Vierecke und für die morphologische Vielseitigkeit und Variabilität der Dinge. Und die Lehren des Bauhauses drücken sich in einem Objekt wie Ré Soupaults "Verwandlungskleid" aus, ja in allen Künsten, die sie in ihrem langen Leben ausübte. Denn ihr Leben zielte nicht in eine kurvenlose Richtung der Kreativität. Es brachte je nach Lebensetappe ganz verschiedene Kunstrichtungen und Kunstprodukte hervor, als sei die Lehre von der Vielseitigkeit der Dinge auch in Ré Soupaults Umgang mit ihren Begabungen übergegangen.

1934 gab sie das Geschäft Ré Sport auf, das sie nervlich und ökonomisch einiges gekostet hatte. Sie hatte den Schriftsteller Philippe Soupault kennengelernt, einen Dissidenten der surrealistischen Bewegung, der damals viele Zeitungsreportagen schrieb, und Ré begann, Philippes Texte und Reisen als Photographin zu begleiten. Viel später, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde Ré Soupault als Übersetzerin aus dem Französischen ins Deutsche bekannt. Sie übersetzte Romain Rolland und, ihr Meisterstück, "Die Gesänge des Maldoror" von Lautreamont.

Ré Soupault, die am 12. März, 94 Jahre alt, gestorben ist, litt schon einige Zeit an den Schwächen und Gebrechen des Alters und hatte wohl begonnen, mit ihrem Leben abzuschließen. Die letzten Jahre, in denen sie als Photographin bekannt, viel besucht und viel befragt wurde, war sie nahezu blind. Wenn sie an ihrem kleinen weißen Tisch im schlicht möblierten Appartement saß, Geschichten aus ihrem über drei Kontinente führenden Leben erzählte und die Namen berühmter und legendärer Menschen, denen sie begegnet war, aus ihren Erzählungen wie nebenbei nur so herauspurzelten, untermalte sie ihre Sätze mit kleinen Pantomimen ihrer Hände. Wenn man sie kennenlernte, wirkte sie skeptisch, fast ein bißchen streng. Wenn man ihr näherkam, wich die Skepsis sofort der Warmherzigkeit und einer fast mädchenhaften Berührbarkeit durch Gedanken und Gefühle. In einem unüblichen Maße war Ré Soupault unehrgeizig und unmateriell.

Das Photo aus dem Hinterhof der Rue Froidevaux erzählt viel von Ré Soupaults Blick. Es ist ein Gruppenbild mit Katze. Denn einige Gegenstände, die Flaschen auf dem Fenstersims, die zu Dreiecken gerafften Vorhänge, die Vogelbauer, erscheinen im Plural. Sie zeigen eine Grammatik der Dinge, die sich, wie Ré Soupaults "Verwandlungskleid", aus einem einfachen Infinitiv der Form entwickeln läßt, sie zeigen die Gleichheit und die Verschiedenheit der Dinge und Ré Soupaults bei Johannes Itten geschulte Aufmerksamkeit für geometrische Anordnungen, vor allem für das Dreieck. Denn ein Dreieck bildet auch, die zwei Dreiecke der Fenstervorhänge einschließend, die Katze mit den zwei Vogelbauern. Und so ist auch die Katze auf dem Photo kein Einzelexemplar, sondern bildet, in der Gemeinschaft der Vögel, eine geometrische Tiergruppe.