Der König lächelt, die Königin lächelt, Ana Beatriz Magno auch. Die brasilianische Journalistin erhält, so zeigt es das Photo, am 18. März 1996 aus der Hand von Juan Carlos den Publizistikpreis "König von Spanien" für ihre Zeitungsserie "Tráfico de Crianças". "Kinderhandel" beleuchtete ein finsteres Geschäft. Brasiliens Zeitungen druckten das Photo mit Stolz: Die junge Journalistin hat ein bißchen Ehre auch auf Land und Leute gelenkt. Daß der große Bruder im Norden, die USA, diese Ehrung nicht einfach hinnimmt, macht den Preis nur wertvoller. Der amerikanische Botschafter in Madrid protestierte gegen die Entscheidung für Ana Beatriz Magno, stellte in einer Note ihre Enthüllungsarbeit in Frage, über die doch weltweit die Presse berichtete.

"Jugend im Netz der Organmafia", war am 8. August 1994 ein Bericht in der Süddeutschen Zeitung überschrieben: Brasilianische Kinder würden entführt oder zum Schein adoptiert, ihnen würden Organe entnommen für Transplantationspatienten in Europa. Nach dem Eingriff verschwänden die Kinder spurlos oder tauchten verkrüppelt wieder auf. Die Zeitung berief sich auf den brasilianischen Kinderrechtler Mário Volpi, und der berief sich auf Ana Beatriz Magno. Im Juli 1994 hatte sie im Correio Braziliense über Adoptionen von Kindern ins Ausland und illegalen Organhandel berichtet, Fälle genannt, Fakten geliefert, Klarheit geschaffen.

Das Gerücht über das Ausschlachten von Kindern geht schon lange um. So behauptete 1993 der französische Europaabgeordnete Leon Schwartzen-berg, von 4000 nach Italien adoptierten brasilianischen Kindern seien 3000 verschwunden. Belegen konnte er das nicht. Aber das Gerücht über eine kindermordende Organmafia fraß sich durch die Medien, fand Nahrung in vagen Behauptungen und angeblichen Beweisen. Beweise zu liefern reizte Journalisteneifer.

Der Correio Braziliense in Brasilia, ein Lokalblatt mit Ambitionen, schickte Ana Beatriz Magno auf Reisen nach Europa und Israel mit dem Auftrag, zu suchen und nicht zu finden. Im Gepäck hatte die Reporterin eine Liste mit 52 Namen adoptierter Kinder. Ana Beatriz Magno recherchierte erfolgreich: Sie fand 23 dieser Kinder nicht. Das war zwar kein Beweis, aber das Gerücht nährte den Verdacht: Die Kinder, zum Schein adoptiert, wurden dem Organbedarf geopfert. Noch fehlte der Story der Knüller: ein klarer Fall von Organraub.

Prompt half Kollege Zufall. Nach ihrer Rückkehr habe die Journalistin von zwei Kindesentführungen in Rio de Janeiro erfahren. Beim Einkaufsbummel seien zwei Elternpaaren ihre Kinder abhanden gekommen, eines im Dezember 1993, ein anderes im Januar 1994. Die Eltern hätten jeweils das Sicherheitspersonal alarmiert, aber die Sucherei habe nichts geholfen. Genau einen Tag später seien sie wieder aufgetaucht, mit Operationsnarben. Ärzte hätten, so Ana Beatriz Magno, durch Röntgenaufnahmen des Fehlen je einer Niere festgestellt. Braucht es mehr Beweise? Eine Organmafia! Skrupellos raubt sie Kindern die Nieren und zerreißt Erwachsenen das Herz.

Da mußte mehr zu entdecken sein: Wie spinnt sich das Netz der Mafia? Welche Menschen in Brasilien, in Europa, in Deutschland vielleicht, knüpfen es? Wer zahlt, wer profitiert, wer deckt die Verbrecher? Die Beweise von Rio schrien nach Aufklärung.

Auch die ZEIT plante einen größeren Bericht. Es wurde nichts draus. Die Sicherheitsbeamten in Rios Einkaufszentrum konnten sich an keine aufgeregten Eltern, an keine Entführungen erinnern, in ihren Tagesberichten war nichts vermerkt. Der Bundesstaatsanwalt für Menschenrechte in Brasilia, schon durch die internationale Schmach, die Brasilien durch "Kinderhandel" erlitt, zu Nachforschungen gezwungen, fand keine Anhaltspunkte. "Ich habe Frau Magno gebeten, ihre Liste mit Namen ins Ausland adoptierter Kinder mit unserer zu vergleichen, um nach den verschwundenen zu suchen, aber sie legt sie uns nicht vor", erklärte Staatsanwalt Alvaro Augusto Costa.