Eins, zwei, drei, Concerto grosso: Vierzehn Bögen fliegen über Geigen und Celli, zwei Querflötenspielerinnen blasen dazu. "Freude schöner Götterfunken" schallt durch den Raum. Zwei Türen weiter wippen zwanzig Viertkläßler auf ihren Stühlen vor den Keybords. Zum rhythmischen Schubischubidu aus dem Lautsprecher dringt ein zwanzigfaches Olé.

Marcel geht in die vierte Klasse. Er ist gerade mal neun und lernt schon seit zweieinhalb Jahren ein Instrument. Seit neuestem ist es Gitarre, bei Trompete mußte er zuviel pusten. Ermüdet, geschafft, gestreßt? "Ach was, das macht total Spaß. Als nächstes möcht' ich Schlagzeug lernen."

Ob als Ensemble oder im Klassenverband - Musik gehört an der Berliner Humboldthain-Grundschule zum Alltag. Die Schule im Stadtteil Wedding ist eine "musikbetonte Grundschule". Intensive Musikerziehung von klein auf: In der ersten Klasse haben die Schüler eine Stunde Musik zusätzlich zum regulären Musikunterricht. Vom zweiten Schuljahr an lernen sie ein Instrument, meist Blockflöte. Daneben ist eine Stunde Arbeitsgemeinschaft mit Ensemblespiel Pflicht.

Das Angebot ist freiwillig und kostenlos. Gut zwei Drittel der Schüler nehmen an der intensiven Musikerziehung teil. Was das bringt? Eine wissenschaftliche Langzeitstudie hat erste Ergebnisse vorgelegt, die bestätigen, was für die Lehrer der Humboldthain- Grundschule längst feststeht: Wer zusammen musiziert, geht anders miteinander um. Die Schüler lernen, sich in die Gruppe zu integrieren. Durch den Umgang mit der Musik werden sie ausgeglichener und konzentrationsfähiger. Und noch mehr: "Wer ein Instrument spielen lernt", sagt Schulleiter Wolfgang Hildmann, "ist meist auch in anderen Fächern gut."

Der Paderborner Professor für Musikpädagogik Hans-Günther Bastian untersucht mit einem Team von Wissenschaftlern seit 1992 die Entwicklung von etwa 180 Kindern an Berliner Grundschulen mit Musikbetonung und an Schulen ohne besondere Musikförderung. Die Humboldthain-Grundschule ist eine der sieben Testschulen. Die Wissenschaftler machten jährliche Standardtests zu Intelligenz, Kreativität und Sozialkompetenz, ließen die Schüler Bilder malen und Melodien erfinden, befragten auch die Eltern und Lehrer.

Der vorläufige Zwischenbericht beeindruckt: Schüler aus den musikbetonten Klassen waren toleranter und weniger aggressiv. Nicht nur Musikalität, sondern auch Selbstbewußtsein, Realitätssinn und sogar Intelligenz entwickelten sich besser als bei den Schülern der Kontrollgruppen. Während es bei der Einschulung keine deutlichen IQ-Unterschiede gegeben hatte, brachte es nach eineinhalb Jahren die Hälfte der musikorientierten Schüler zu überdurchschnittlichen Testergebnissen, in der Vergleichsgruppe nur 38 Prozent.

Die Studie räumt zudem mit dem verbreiteten Vorurteil auf, der Zeitaufwand für Flötenspiel und Notenlesen gehe zu Lasten der Leistungen in den anderen Fächern. Im Gegenteil, Schüler, die viel musizieren, sind sogar besser als ihre Kameraden. Offenbar, vermutet Bastian, fördert Musik allgemeine Fähigkeiten, die sich in anderen Fächern auszahlen. Bastians Fazit: "Musizieren kann, so scheint es, wie kaum etwas anderes die kognitiven und sozialen, die emotionalen und kreativen Fähigkeiten gleichermaßen umfassend fördern." Ob intensive Musikerziehung nicht zum Abbau von Gewalt an Schulen beitragen könne? "Wer musiziert", sagt Bastian, den Komponisten Hans Werner Henze zitierend, "nimmt keine Knarre in die Hand."