DIE ZEIT: Herr Vesper, das Koalitionsgezerre in Nordrhein-Westfalen hat bei den Landtagswahlen am vergangenen Sonntag alle rotgrünen Erwartungen zunichte gemacht. Wie lebt es sich damit? Michael Vesper: Nicht die Krise in NRW hat die rotgrünen Hoffnungen gedämpft, sondern der Schlingerkurs der SPD. Wer wählt schon eine Partei, von der man nicht weiß, in welche Richtung sie gehen will? Diese Orientierungslosigkeit macht die Perspektive für Rot-Grün kaputt.

ZEIT: Es wirkt, als passe Rot-Grün einfach nicht zu den aktuellen Problemthemen Sozialstaat, Arbeitslosigkeit, flaue Konjunktur. Darauf haben die Wähler am Wochenende reagiert.

Vesper: Ich würde es genau umgekehrt sagen: Rot-Grün paßt in die Zeit, weil gerade in der Krise neue, also ökologische Konzepte gefragt sind. Die Stimmungen schwingen in erstaunlicher Schnelligkeit. Es gab ein Hoch nach der Landtagswahl in NRW, dann das Tief im Zusammenhang mit der SPD-Krise, dann das Hoch nach der Lafontaine- Wahl. Nun hat die Krise in NRW im Verein mit dem großkoalitionären Gerede ein neuerliches Tief für Rot-Grün ausgelöst.

ZEIT: Die Situation der Grünen heute erinnert an die achtziger Jahre. Sie sind in den Parlamenten und in einigen Landesregierungen. Aber von der Bonner Macht bleiben sie weit entfernt. Wie soll Ihre Partei darauf reagieren?

Vesper: Es ist natürlich paradox, daß wir bei allen Landtagswahlen zulegen, daß aber jeder Schritt nach vorne durch zwei Schritte zurück bei der SPD kompensiert wird. Man kann als kleinerer potentieller Partner nicht die Probleme des größeren lösen. Ich empfehle meiner Partei, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und ökologische mit ökonomischer Kompetenz zu verbinden. Wir sollten uns jetzt nicht von drei Landtagswahlen kirre machen lassen.

ZEIT: Haben sich die Grünen nicht zu voreilig als dritte Kraft gefeiert? Die FDP bleibt zwar schwächer als die Grünen, ist aber weiterhin Mehrheitsbeschaffer für beide große Parteien.

Vesper: Dritte Kraft sind wir nun auch bei diesen Landtagswahlen. Ich denke, die FDP freut sich zu früh, wenn sie glaubt, daß ihre Probleme jetzt gelöst sind. Sie versucht, den Besserverdienenden zu gefallen. Deren Reservoir ist allerdings zu klein. Sie hat ein Stammwählerpotential von zwei bis drei Prozent, und das Thema Steuersenkung wird auf Dauer nicht tragfähig sein.