Der Star der Veranstaltung eröffnete seinen Vortrag mit einer Entschuldigung. Leider sei in der gedruckten Fassung seiner Genkarte des Menschen doch noch "eine Reihe von Fehlern" übersehen worden, sagte der Franzose Jean Weissenbach vergangene Woche in der Heidelberger Stadthalle. Rund tausend Genomforscher waren zu ihrem diesjährigen Treffen versammelt. Trotz der Mängel, so Weissenbach, glaube er an den Nutzen dieses Werkzeugs, das sein Institut Généthon erarbeitet hat.

Das kokett präsentierte Opus markiert den vorläufigen Höhepunkt in der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, an der sich Zehntausende Forscher aus rund vierzig Ländern beteiligen. Sechs Jahre nach dem offiziellen Start des von der internationalen Human Genome Organization (Hugo) koordinierten Mammutprogramms halten die Wissenschaftler nun eine ausreichend präzise genetische Karte in ihren Händen: Nach fünfjährigen Vererbungsstudien gelang es den Franzosen, die 23 Chromosomenpaare des Menschen mit 5264 unverwechselbaren Markierungen auszuflaggen. Dank dieser Orientierungshilfen können sich Genforscher nun rasch und zielsicher durch den Dschungel des menschlichen Erbguts tasten - auch wenn erst knapp zwei Prozent der drei Milliarden Bausteine des Erbmoleküls DNA in ihrer genauen Abfolge bekannt sind.

"Genetische Karten liefern die Wegweiser, um die Vererbung zu verfolgen", frohlockte Eric Lander vom Whitehead Institute in Massachusetts beim Heidelberger Hugo-Treffen. Zur selben Zeit wie Jean Weissenbach veröffentlichte der Amerikaner im März eine noch umfassendere Genkarte des Mausgenoms. "Mensch und Maus haben im Grunde die gleichen Gene", sagt Lander, deshalb sei seine Karte ein "experimenteller Spiegel" für die Suche im humanen Erbgut.

Vor allem Krankheitsgene erregen den Jagdinstinkt der Wissenschaftler. Beinahe wöchentlich werden jetzt verdächtige DNA-Abschnitte aus dem Zellkern gefischt. Dauerte die Entdeckung des Gens für den Veitstanz (Chorea Huntington) noch zehn Jahre, können selbst mittelprächtig ausgestattete Labors jetzt binnen weniger Monate bestimmte DNA-Sequenzen ausfindig machen. Jean Weissenbachs Wegweiser zeigen die grobe Richtung, danach hilft die physikalische Genkarte: Gut 75 Prozent des Genoms sind mittlerweile in etliche kleinere Bruchstücke aufgeteilt. In jenen handlichen Untereinheiten, die nahe der bekannten Markierung liegen, stöbern die Forscher nach dem gesuchten Gen. Rund 1000 der schätzungsweise 5000 bekannten Menschengene spielen bei Krankheiten eine Rolle. Die meisten dieser Erbleiden werden durch ein fehlerhaftes Gen ausgelöst.

Doch erstmals ermögliche die neue Genkarte auch, Krankheiten aufzuspüren, die durch das fehlerhafte Zusammenspiel mehrerer Erbanlagen ausgelöst werden, glauben die Forscher am französischen Généthon-Institut. Schon sprechen sie von der "Geburt einer neuen Medizin". Zu diesen multifaktoriellen Leiden gehören vermutlich Schizophrenie, Krebs, Bluthochdruck, Alzheimer und Asthma. Fällt eines der beteiligten Gene aus, führt dies zwar nicht unweigerlich zum Ausbruch der Krankheit, erhöht aber das Risiko.

Auch Pharmamultis beteiligen sich an der Jagd im Genom. "Genetik ist eine sehr schnelle Möglichkeit, Krankheiten zu verstehen", sagt Andrew Lyall von Glaxo Wellcome. "Die Industrie steht derzeit unter großem Druck, bessere Medikamente in kürzerer Zeit zu produzieren." Durch die Genomforschung könnten schon bald neue Wirksubstanzen auf den Markt kommen, glaubt Lyall. Der amerikanischen Firma Amgen bescheren zwei solcher Produkte aus der Genforschung schon heute Milliardenumsätze.

Dieses Potential der Genomforschung scheinen nun, mit sechsjähriger Verspätung, auch die Deutschen entdeckt zu haben. So stellte Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers im vergangenen Sommer 200 Millionen Mark für eine hiesige "Human-Genomforschung" zur Verfügung: Derzeit entsteht ein "Ressourcenzentrum", um Deutschland in der bisher verschlafenen Genomforschung doch noch einen "Spitzenplatz" (Rüttgers) zu sichern.