New York

Die Vereinten Nationen stehen kurz vor dem Bankrott, und die Ursache ist ganz eindeutig: Viele Mitgliedstaaten - vielfach auch die mächtigsten - zahlen nicht ihre nach Satzung und Recht geschuldeten Beiträge. Der Grund der Finanzkrise ist nicht eine schwerfällige Bürokratie: Die Vereinten Nationen geben nicht zuviel Geld aus, sie nehmen zuwenig ein.

Insgesamt schulden die Mitgliedstaaten den UN 3,2 Milliarden Dollar. Vierzig Prozent der Mitglieder befinden sich mit ihren Beiträgen um über ein Jahr im Rückstand. Lediglich 94 von 185 Mitgliedstaaten haben für das Jahr 1995 ihre Beiträge in voller Höhe geleistet.

Weder Staaten noch Unternehmen könnten unter solchen Bedingungen arbeiten. Für die Vereinten Nationen gilt dies um so mehr, als ihre Mitgliedstaaten gleichzeitig immer höhere Anforderungen stellen, weitere Programme verabschieden oder neue Missionen genehmigen. Ständig muß ich finanzielle Kunststücke vollbringen, indem ich etwa aus dem Etat für Friedenssicherung Mittel ausleihe, um den ordentlichen Haushalt der Organisation zu decken.

Abgesehen von den Konsequenzen für das Rechnungs- und Finanzwesen und den verheerenden psychologischen Auswirkungen auf das Personal sind die Folgen auch in politischer Hinsicht katastrophal. Denn dadurch wird gerade denen Unrecht getan, die der Weltorganisation den größten Dienst erweisen: Den Staaten, die für Einsätze zur Friedenssicherung Truppen und Ausrüstung zur Verfügung stellen, können die Vereinten Nationen nicht erstatten, was sie ihnen schulden. Bis heute sind das mehr als 1,1 Milliarden Dollar. Dies ist besonders empörend, wenn es sich dabei um Entwicklungsländer handelt wie Indien, Pakistan, Bangladesch, Jordanien, Malaysia oder die Fidschiinseln. Die weniger reichen Länder werden in Zukunft zögern, sich an solchen Einsätzen zu beteiligen, wodurch deren multinationaler Charakter unmittelbar in Frage gestellt wird.

Ebenso schwerwiegend ist es, wenn die Vereinten Nationen künftig aus rein finanziellen Erwägungen auf Einsätze verzichten, die politisch wünschenswert wären. Daraus kann sich eine weitere besorgniserregende Konsequenz ergeben: Die Vereinten Nationen werden sich eines Tages vielleicht zwischen zwei Operationen entscheiden müssen - und zwar nach Kriterien, die zu den in der Charta verankerten Grundsätzen der Gleichheit und Universalität in Widerspruch stehen. So könnten Konflikte einfach unbeachtet bleiben - einzig und allein, weil sie zu einem Zeitpunkt stattfinden, an dem es uns an Geld mangelt.

Aus dieser kritischen Situation gibt es einen einfachen Ausweg: Die Mitgliedstaaten, die sich mit ihren Beiträgen im Rückstand befinden, müssen ihre Schulden bei der Organisation unverzüglich oder aber nach einem klaren Zeitplan begleichen! Bis heute hat sich lediglich Rußland bereit gefunden, mir einen Tilgungsplan für seine Schulden vorzulegen.