Mainz

Von den drei Spitzenkandidaten der traktierten SPD geht es dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck noch am besten. Sein Ergebnis läßt sich noch am leichtesten schönreden. Schließlich ist die SPD in Mainz stärkste Partei geblieben und kann weiterregieren in der Wunschkoalition mit den Liberalen. Das ist es dann aber auch schon. Denn trotz seiner allseits gerühmten Popularität und Bodenständigkeit hat auch Kurt Beck am Abwärtstrend seiner Partei kräftig partizipiert. Fünf Prozent Stimmenverlust hatte er nicht erwartet. Um so einfallsreicher ist seine Erklärung danach: Mit diesem Ergebnis habe sich die politische Lage im konservativ-bürgerlichen Rheinland-Pfalz "normalisiert". Vor fünf Jahren, als Rudolf Scharping mit einem Spitzenergebnis den Machtwechsel in Mainz erreichte, habe sich die CDU selbst durch innere Querelen um alle Chancen gebracht. Gemessen daran seien, so will Beck verstanden werden, die knapp vierzig Prozent vom vergangenen Sonntag doch ein schönes Ergebnis.

Johannes Gerster, Becks konservativer Gegenkandidat, hat von der "Normalisierung" allerdings gar nicht profitiert. Zwar kam seine schon vor der Wahl abgeschriebene CDU dicht an die Sozialdemokraten heran; doch einen Zugewinn konnten die Konservativen nicht verzeichnen. Natürlich findet auch der Geschlagene eine passende Interpretation: Immerhin habe man, so lautet die originelle Formulierung, "das Einhalten des Rückganges der Stimmen" erreicht. Und nach Erststimmen gerechnet, hat die CDU die Wahlen sogar gewonnen. So kommt der Wahlverlierer Gerster zu einer frappierenden Schlußfolgerung: "Wir können uns in Rheinland-Pfalz als stärkste Partei fühlen - auch ohne die Mehrheit der Mandate."

Hätte Helmut Kohl nicht seinerzeit Heiner Geißler als Spitzenkandidat verhindert, wer weiß, vielleicht hätte es dann für die Union sogar zur wirklichen Mehrheit gereicht. Muß der Kanzler deshalb seinem Protegé Gerster ausdrücklich zur Seite springen? Es sei wahnsinnig schwer, betont er wissend am Tag danach in Bonn, "aus der Opposition heraus gegen den Platzinhaber den Wechsel zu erreichen".

Immerhin darf Gerster die neue Situation ein wenig gemütlicher finden als die Verhältnisse in der vergangenen Legislaturperiode. Damals konnte sich die SPD zwischen Grünen und Liberalen entscheiden. Jetzt hat die FDP die Wahl. Auch mit der Union würde es zur Regierungsbildung reichen. "Wir laufen niemandem nach", meint Gerster trotzig. Doch Beck hat seine strategische Mehrheit verloren, und die FDP darf sich wieder in ihrer schon fast vergessenen Rolle als Zünglein an der Waage üben.

Noch gibt es keine Anzeichen dafür, daß die FDP ihr Koalitionsversprechen zugunsten der SPD brechen könnte. Im Gegenteil. Der rheinland-pfälzische FDP-Chef Rainer Brüderle wird nicht müde zu beteuern, was gar nicht selbstverständlich ist: Die FDP werde sich nach der Wahl genau so verhalten, wie sie es vor der Wahl gesagt habe.

Von neuen Forderungen an den Koalitionspartner ist, zumindest öffentlich, nicht die Rede. Statt dessen verweist Brüderle auf die faire Zusammenarbeit mit der SPD. Tatsächlich hatte Scharping seinerzeit die soeben über die Hürde gesprungenen Liberalen nicht nur in die Regierung geholt, sondern ihnen auch zwei klassische Ressorts überlassen. Das blieb so, als Beck später sein Kabinett um drei Ressorts verkleinerte. Gibt es Dankbarkeit in der Politik? Der Bonner Parteiführung jedenfalls kommt die sozialliberale Variante in Rheinland-Pfalz - diesmal aus freien Stücken - nicht gelegen. Sie demonstriert: Die FDP hat wieder Optionen. Wann gab es das zuletzt?