In den öffentlichen Schulen Amerikas hängen keine Kruzifixe. Dennoch klang das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom vergangenen Sommer, das den Gekreuzigten aus bayerischen Klassenzimmern verbannte, amerikanischen Ohren ebenso vertraut wie der Zank um den Religionsunterricht in Brandenburg. Auch jenseits des Atlantiks ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ein leidenschaftlich umstrittenes Thema, das immer wieder die Gerichte beschäftigt. Nur geht es dort nicht um Kruzifixe, sondern um Schulgebete, Krippen, Weihnachtsbäume und die biblische Schöpfungsgeschichte.

Wer sich über die Karlsruher Richter geärgert hat, wird am Supreme Court in Washington noch weniger Vergnügen finden. Amerikas höchste Richter, zwei Damen und sieben Herren, achten streng darauf, daß "die Scheidewand zwischen Kirche und Staat" - mit dieser Metapher erläuterte Thomas Jefferson den begriffsstutzigen Baptisten von Danbury die neue Verfassung - intakt bleibt.

Diese Scheidewand versteht sich keineswegs von selbst. Im Gegenteil: Bei einem so gottesfürchtigen Volk wie den Amerikanern ist sie eher verwunderlich. "Es gibt kein Land der Welt", bemerkte schon Tocqueville, "in dem die Religion eine so große Macht über die Seelen der Menschen ausübt wie in Amerika."

Tocquevilles Feststellung trifft noch heute ins Schwarze. Bei einer Umfrage, die zwischen 1990 und 1993 in mehreren Industrieländern veranstaltet wurde, bezeichneten sich 82 Prozent der interviewten Amerikaner als "religiös". Bei den Briten waren es nur 55 Prozent, bei den Deutschen 54 Prozent und bei den Franzosen 48 Prozent. 72 Prozent der Amerikaner glauben an Engel, 65 Prozent an den Teufel und immerhin noch 20 Prozent daran, daß sie die Wiederkehr Jesu persönlich erleben werden. 44 Prozent gehen mindestens einmal wöchentlich in die Kirche. In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Gotteshäuser. Neun von zehn Amerikanern besitzen eine Bibel. Ob sie die Bibel auch lesen, steht auf einem anderen Blatt. Nur eine Minderheit konnte auf Befragen einen der vier Evangelisten nennen.

Der amerikanische Gott ist nicht nur in den Häusern zu finden, die ihm zu Ehren gebaut wurden. Wie das Bekenntnis "In God We Trust" auf den Dollarnoten verrät, halten es sogar die Währungshüter für ratsam, sich der Deckung durch eine höhere Instanz zu versichern. Ohne den Antrieb des Puritanismus und sein von Max Weber als "innerweltliche Askese" umschriebenes Arbeitsethos ist die amerikanische Wirtschaftsgeschichte überhaupt nicht zu begreifen. Auch der alte Rockefeller war von der Überzeugung durchdrungen, "daß die Fähigkeit, Geld zu machen, eine Gabe Gottes ist".

Den wohl bemerkenswertesten Versuch, Christentum und Big Business unter einen Hut zu bringen, unternahm Bruce Barton, Inhaber einer der größten Werbeagenturen des Landes. In seinem Bestseller "The Man Nobody Knows" (1925) präsentierte er Jesus als genialen Marktstrategen: "In den untersten Rängen der Geschäftswelt suchte er sich zwölf Männer zusammen und schmiedete aus ihnen eine Organisation, welche die Welt eroberte." Kein Wunder, daß Spötter die Vermutung äußerten, die wahre Staatsreligion Amerikas sei der "Moneytheismus".

Auch Schulen und Hochschulen waren ursprünglich christliche Institutionen.