So hätte auch ein Stück von John Cage oder Mauricio Kagel beginnen können: Die Musiker kommen nach und nach auf die Bühne, packen ihre Instrumente aus, spielen sich warm, trillern, trällern, präludieren. "Schwarz auf Weiß" hat schon begonnen, bevor man es recht bemerkt hat. Und wie "instrumentales Theater" geht es zunächst weiter. Die insgesamt achtzehn Musiker des Ensemble Modern sind die einzigen Akteure in diesem neuen "Musiktheater"-Werk von Heiner Goebbels. Es gibt keine Sänger und schon gar keine Handlung. Die Instrumentalisten spielen ihre Instrumente und eine Rolle. Sie bewegen sich über die Bühne des Bockenheimer Depots, rollen eine Trommel von links nach rechts und zurück, kegeln mit Schalltrichtern und spielen geräuschvoll ein Brettspiel. Sie nehmen aus Blecheimern kleine gelbe Bälle, werfen sie quer über die Bühne und versuchen, einige Schlaginstrumente zu treffen; gelegentlich mit Erfolg, dann donnert das Donnerblech oder das Tamtam. Ein schönes anarchisches Spiel: Die Musiker dürfen aus ihrer konventionellen Rolle schlüpfen und ein bißchen Quatsch machen.

Nach einigen Momenten ist die Aktion vorbei, und die Musik-Darsteller wenden sich ernsthafteren Aufgaben zu. Mal finden die Streicher zusammen und spielen im Quartett oder Quintett nach Noten, mal trifft ein Streicher einen Bläser, und zwischen beiden entwickelt sich, begleitet von einem verstimmt klingenden Cymbalom und einem leisen mechanischen Stampfgeräusch, ein intensiver musikalischer Dialog. Heiner Goebbels hat sein achtzigminütiges Werk aus vielen kleinen Szenen zusammengesetzt, die nahtlos ineinander übergehen: Bruchstücke, Fragmente, kurze musikalische Einfälle und Spielereien, die mit geschicktem Timing montiert sind.

Auf der seitlich offenen Bühne stehen einfache Holzbänke ohne Rückenlehnen in Dreierreihe. Ein Portal, das mit weißen Papierbahnen behängt ist, unterteilt anfangs die Bühne in der Tiefe. Später werden die Bahnen fallen, am Ende wird das Portal theatralisch einstürzen. Manchmal steigen die Musiker über die Bänke, und das sieht aus wie ein skurriler Hürdenlauf in Zeitlupe, mit Tuba oder Geige oder Trompete: tranquillo e malizioso.

Heiner Goebbels versucht unentwegt, Brüche in das Werk einzubauen, es sperrig zu machen, damit es nicht zu glatt, zu ulkig daherkommt. Die Instrumente werden elektrisch verstärkt und dabei teilweise absichtlich verzerrt. Einige symphonische Jazzeinlagen münden in exaltierte Soloimprovisationen . . . Die stilistische Uneinheitlichkeit der Musik wird zum Prinzip.

Doch der Klang der Instrumente, die Bewegungen der Musiker, ihre unterschiedlichen Gruppierungen und die Lichteffekte, die Jean Kalman "komponiert" hat, scheinen eigenständig konzipiert. Mancher Effekt kommt zwar überraschend und öffnet oder gliedert den Raum - doch wieder einmal wird deutlich, wie schwierig das Depot als Theaterraum zu bewältigen ist. Eine faszinierende Industriehalle mit filigraner Dachkonstruktion, doch als Bühne wohl nur zu gebrauchen, wenn man die Architektur komplett zubaut oder sehr aufwendig den gesamten Raum einbezieht.

Über dem Uraufführungsabend lastet eine eigentümliche Melancholie. Denn ab und zu werden Texte über Lautsprecher zugespielt, in englischer und französischer Sprache, mal gemurmelt, mal bedeutungsschwanger rezitiert: "Strange things shall happen". Plötzlich die vertraute Stimme von Heiner Müller. Er liest einen Text von Edgar Allan Poe mit dem Titel "Shadow", und dieser Sprachschatten weist auf den Titel der Komposition: "Schwarz auf Weiß". (Den Poe-Text mit Müllers Stimme hat Goebbels 1991 bereits in seinem Hörspiel "Shadow/Schatten" [SWF] verwendet.) Doch die Bedeutung der Texte ist eher nebensächlich. Goebbels ist am Klang der Stimme(n) interessiert, an Klangstimmungen und Klangerinnerungen. Für ihn, der oft und eng mit Heiner Müller zusammengearbeitet und viele Texte des Schriftstellers vertont hat, ist Anfang dieses Jahres gewiß eine Ära zu Ende gegangen.

Als alle Musiker, auch die Streicher, mit (Blech-)Blasinstrumenten hinten im Bockenheimer Straßenbahndepot losmarschieren, über die Bankreihen steigen und auf die Zuschauer zukommen, umdrehen, sich wieder entfernen und dabei mehr schlecht als recht einen schrägen Trauermarsch blasen, ist dies auch ein Abgesang: schwarz auf weiß, endgültig. Goebbels zitiert die eigene Vergangenheit: Einst hatte er das Sogenannte linksradikale Blasorchester gegründet. Jetzt bleiben auch davon nur noch die Erinnerung und einige wehmütige Klänge. Heiner Goebbels, engagiert und radikal, ist auch ein wenig sentimental.