Der Herr, der mir gegenüber im ICE-Abteil Platz nahm, schien schon bessere Tage gesehen zu haben. Als wir dann ins Gespräch kamen, erkundigte ich mich beiläufig nach seinem Beruf. Er versteinerte. Verlegen murmelte er: "Wenn Sie wüßten . . ." Neugierig geworden, tippte ich scherzhaft auf: "Mafioso? Verdeckter Ermittler? Autoschmuggler?" Er blickte sich scheu um und flüsterte:

"Viel schlimmer. Ich gehöre zu den übelst beleumdeten Menschen . . ."

"Aha, Topmanager!" Er nickte beschämt. Der Mann dauerte mich: "Dann möchte ich allerdings nicht in Ihrer Haut stecken. Nur fristlos gefeuert oder schon wegen Bilanzfälschung mit einem Bein im Knast?" erkundigte ich mich teilnehmend.

"Mir wurde eine Gnadenfrist eingeräumt bei Verzicht auf sämtliche Privilegien." "Und darum dürfen Sie also für solche Reisen nicht mehr mit der firmeneigenen Cessna fliegen. Das muß ja schrecklich für Sie sein. Was haben Sie denn überhaupt ausgefressen? Ich meine, wie viele Millionen haben Sie denn in den Sand gesetzt?"

Er zögerte verlegen. Schließlich: "Ich war ja nur ein kleiner Fisch. Höchstens 650 Millionen." "Peanuts", sagte ich enttäuscht. "Und natürlich hätte ich das allein, ohne Mitwirkung des ganzen Vorstands, nie geschafft. Der Aufsichtsrat hat wie üblich geschlafen und abgesahnt. Ich aber wurde zum Sündenbock für alle." Er schwieg verbittert, dann fuhr er fort:

"Sie ahnen sicher nicht, wie weh ein Sturz aus solcher Höhe tut." Ich deklamierte: "Heute noch auf hohen Rossen . . ." ". . . morgen durch die Brust geschossen", ergänzte er, "plötzlich ist man weg vom Fenster, kein Hahn kräht nach einem, man wird nirgends mehr eingeladen, ist plötzlich Luft für alte Kollegen, bekommt keine Opernfreikarten mehr, wird sogar von seinem Tankwart wie Dreck behandelt . . ."

"Ein hartes Schicksal", sagte ich.