Vielleicht sind diese drei Männer die mutigsten Theatermenschen der Welt. Adam Long, David Letwin, Matthew Hendrickson, drei Amerikaner, derzeit London, Criterion Theatre. Sie spielen Shakespeare. Nicht irgendeinen Shakespeare (wie alle möglichen Peymänner dieser Welt), sondern den ganzen Shakespeare, und zwar an einem Abend. 37 Stücke in 97 Minuten. Schon nach einer Stunde haben sie 36 Stücke hinter sich gebracht. Eines vergessen, aber welches? "Hamlet", ausgerechnet "Hamlet"! Das ist jetzt der einzige Moment, in dem die drei kühnen Männer Angst bekommen vor ihrem wahnwitzigen Projekt: Adam ergreift die Flucht, David eilt ihm nach, der "ganze Shakespeare" ist im Eimer. Pause.

Vielleicht aber ist diese eine Frau noch mutiger als die drei Shakespeare-Narren: Isabelle Huppert, ein Weltstar, fast schon eine Heiligenlegende des Kinos aus Frankreich. Denn die französische Frau spielt nun ausgerechnet in England, im öden Betongehäuse des National Theatre, die schottische Königin Maria Stuart in einem Trauerspiel des deutsch-schwäbischen Klassikers Friedrich Schiller.

Vielleicht aber gibt es eine noch größere Mutprobe als 37mal Shakespeare oder einmal Schiller am tragisch falschen Ort. Wenn ein einziger Mensch das ganze Theater ist, zwei einsame, tolle Stunden lang. Der Mann heißt Lee Evans, geboren 1964 in Bristol, ist Komiker und sonst gar nichts. Er braucht ein Mikrophon für seine rasenden Monologe, ein Handtuch gegen den strömenden Schweiß, eine kleine Showtreppe und einen rührend funkelnden Sternenhimmel - aber vor allem braucht er sich selber, seine ganze Geistes- und mehr noch Körpergegenwart. Damit am Ende das Motto seines Soloabends im Apollo Theatre wahr geworden ist: "Lee Evans - same world, different planet". Der Komiker, der Außerirdische.

Vielleicht also ist Lee Evans der Mutigste von allen, auch wenn er zugibt: "Fear is a big big motivation in my life." Angst, lernt der deutsche Zuschauer staunend, muß nicht die Seele aufessen. Angst bringt den Körper zum Fliegen.

Am 11. September 1987 erschien im deutschen Wochenblatt DIE ZEIT ein Dramolett von Thomas Bernhard: "Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese". Es hat in diesem vermutlich unsterblichen Drama der Burgtheaterdirektor Peymann (während er mit dem meist schweigenden Burgtheaterdramaturgen Beil Wiener Schnitzel verzehrt) einen grandiosen Einfall: "Am liebsten würde ich alle Shakespearestücke auf einmal inszenieren / und an einem einzigen Abend aufführen / eine einzige tolle Shakespearekonzentration Beil." Hierzu benötigt Peymann exakt 1834 Darsteller, "und naturgemäß nur die allerersten Schauspieler".

Kein Zweifel: Bernhards Peymann (mit Peymanns Peymann nicht zu verwechseln!) ist an der Eigenliebe verrückt geworden oder spielt den Verrückten, ein Burgtheater- und Wienerschnitzelhamlet.

Im selben Jahr 1987 (die Theatergeschichte geht wundersame Wege) haben die Herren Long, Letwin und Hendrickson fern von Wien Bernhards und Peymanns Shakespeare-Träume verwirklicht - frech und ohne ihren Verstand dabei in Gefahr zu bringen. Die Reduced Shakespeare Company (RSC) zeigte zum erstenmal "The Complete Works of William Shakespeare (abridged)" und hat sich seitdem auf die Zerstückelung von Monumentalwerken spezialisiert, zwischen "Heiliger Schrift" und Wagners "Ring". Oder auch: "The Complete History of America", wie alle Produktionen nicht länger als 6000 Sekunden. Aber das Meisterstück des Trios ist wohl noch immer der komplette Shakespeare.