Wer Unpopuläres sagt, der kann was erleben. Das mußte in der vergangenen Woche Werner Stumpfe erfahren, der Hauptgeschäftsführer und künftige Präsident von Gesamtmetall, dem Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie. Das Bündnis für Arbeit sei tot, ließ er bei einem Pressefrühstück nebenher wissen. Kaum etwas ist aber derzeit so populär wie die Idee, durch runde Tische und Verabredungen aller Art nach Auswegen aus der Beschäftigungsmisere zu suchen, und dergleichen trägt heute stets das Etikett "Bündnis für Arbeit". Entsprechend groß war die Empörung, die der bislang eher konziliante Funktionär bei Politikern und Gewerkschaftern, aber auch, in milderer Form, bei den Wirtschaftsverbänden erntete.

Einmal abgesehen davon, ob seine Äußerung überaus geschickt war - wer Stumpfe genau zugehört hat, wird zu dem Schluß kommen: Der Mann könnte recht haben. Denn nur dem Bündnis, "so wie es die IG Metall vorgeschlagen hat", stellt der Gesamtmetaller den Totenschein aus. Und daß die Metallindustrie tatsächlich, wie von IG-Metall- Chef Klaus Zwickel vorgeschlagen, allein in diesem Jahr 110 000 neue Arbeitsplätze schaffen kann und dafür 1997 mit Lohnzurückhaltung belohnt wird, glaubt angesichts der Wirtschaftsflaute und der zähen Verhandlungen ernsthaft wohl kaum jemand mehr.

Zwickels spektakulärer Plan hat allerdings zuhauf Nachahmer gefunden, und darin liegt sein eigentliches Verdienst. Ob in der Textil- oder der Stahlindustrie, beim Hamburger Verkehrsverbund oder in zahllosen Einzelbetrieben - allerorten werden derzeit Vereinbarungen getroffen, die nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhalten, sondern auch neue Jobs schaffen oder zumindest die bestehenden sichern sollen. In den Kanzlerrunden werden ebenso weiterhin Wege zu mehr Beschäftigung gesucht wie derzeit in der Chemieindustrie und demnächst im öffentlichen Dienst. Selbst die regionalen Tarifpartner der Metallbranche verhandeln auch künftig darüber, gleichsam Stumpfe zum Trotz, wie etwa durch den Abbau der Überstunden neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Was immer darunter verstanden wird: Das Bündnis für Arbeit lebt - auch wenn Zwickels Urbündnis von der Realität mittlerweile arg ramponiert ist.

In der allgemeinen Aufregung droht allerdings eine andere Äußerung Stumpfes unterzugehen, die auf mittlere Sicht sehr viel mehr Gewicht haben könnte als jede blasphemische Bemerkung zum Bündnis für Arbeit. Der Gesamtmetall-Chef regt an, über "die Zweiteilung der Verbandslandschaft in Arbeitgeberverbände mit und ohne Tarifbindung" nachzudenken. Was auf den ersten Blick wie ein internes Problem der Verbandsverfassung wirken mag, könnte, wenn Stumpfes Anregung Wirklichkeit würde, die Organisation der Arbeitsbeziehungen in Deutschland grundlegend ändern.

Denn wie in keinem zweiten Industrieland der Welt werden Lohnhöhe, Arbeitszeiten und -bedingungen von den sogenannten Flächentarifverträgen festgelegt - Vereinbarungen also, die im Grundsatz für alle Betriebe einer Branche gelten. Damit dieses System funktioniert, braucht es nicht nur starke Gewerkschaften, sondern eben auch starke Arbeitgeberverbände, die die Einhaltung dieser Verträge durchsetzen können. Kritik an den Flächentarifen gab es in den vergangenen Jahren mehr als genug, und die Zahl der Betriebe, die sich nicht mehr an deren Bestimmungen halten, wächst beständig. Gerade bei der Arbeitszeit "werden die tariflichen Regelungen oft nicht einmal ignoriert", wie Stumpfe witzelt. Wenn nun aber die Arbeitgeberverbände, um die eigene Haut zu retten, selbst den Unternehmen den Fluchtweg öffnen, könnte dies das Ende der Flächentarife einläuten.

Allerdings lohnt es auch bei diesem Vorstoß, näher hinzuschauen. Erstens ist für Werner Stumpfe die sozusagen institutionalisierte Tarifflucht nur die Ultima ratio. "Bevor wir zur Beerdigung des Flächentarifs schreiten", sagt er, "müssen wir erst einmal versuchen, ihn so umzugestalten, daß er in das Zeitalter der globalen Märkte paßt." Stumpfe will die Vertragstexte von überkommenen Regelungen befreien und ein "Maximum an betrieblicher Beweglichkeit schaffen". Künftig sollen nur noch Lohnhöhe und Arbeitszeit verbindlich geregelt sein; die Betriebe sollen zudem zwischen verschiedenen gleichwertigen Modellen auswählen können. Ginge es nach dem Gesamtmetall-Chef, dürften die Unternehmen für begrenzte Zeit ganz von den Normen abweichen, wenn dafür gleichzeitig Arbeitsplätze garantiert werden.

Zweitens hat Gesamtmetall selbst gar keine Mitgliedsfirmen, denen eine gesplittete Mitgliedschaft angeboten werden könnte. Denn die Kölner Zentrale fungiert nur als Holding der regionalen Arbeitgeberverbände, die Stumpfes Vorschlag umsetzen müßten. Und bei denen ist die Reaktion auf die Idee ihres obersten Repräsentanten bislang eher verhalten.