Seit 1990 untersuchen Wissenschaftler in einem staatlichen Überwachungszentrum an der Universität von Edinburgh Fälle von Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen in ganz Großbritannien: Es ist eine seltene Krankheit, die das Gehirn des Menschen porös und schwammartig werden läßt und zu einem schrecklichen Tode führt. Ein Leiden, das seit Jahrzehnten bekannt ist, aber wegen seines sehr vereinzelten Auftretens - ein Fall auf eine Million - die Öffentlichkeit nicht sonderlich interessierte. Erst als Mitte der achtziger Jahre der Rinderwahnsinn Bovine Spongiforme Enzephalopathie (BSE) ganze Herden britischer Kühe und Bullen in den Todeskampf versetzte und ihre Gehirne aussehen ließ wie Schwämme, alarmierte eine mögliche Verwandtschaft der Erkrankung bei Mensch und Tier die Mediziner. Konnte der unbekannte Krankheitserreger die biologische Barriere zwischen Mensch und Tier überspringen? Eine höchst hypothetische Annahme.

Seit vergangener Woche sind zehn Creutzfeldt-Jakob-Tote bekannt geworden, deren Hirngewebe sich von allem unterschied, was Neurologen bis dahin unter das Mikroskop gekommen war. Während die Creutzfeldt-Jakob- Symptome normalerweise erst bei Menschen über 60 Jahren auftraten, waren diese Patienten deutlich jünger, alle unter 42, einige noch jugendlich. Anders als die klassischen Fälle verloren diese erst in spätem Stadium die Kontrolle über ihre Bewegungen. Sie schwankten zwischen Depressionen und Wutanfällen, wurden von Wahnvorstellungen und Panikattacken gequält. Die Leidensgeschichte der Betroffenen dauerte mehr als doppelt so lang wie bei früheren Patienten, dreizehn statt sechs Monate siechten sie ihrem grausamen Tod entgegen. Auch die Autopsie der Leichen ergab überraschende Unterschiede: Außer den typischen schwammartigen Löchern im Gehirn stießen die Ärzte auf deutliche Proteinablagerungen, sogenannte Plaques. Die Eiweißklumpen sind bei klassischen Creutzfeld-Jakob-Fällen äußerst selten, bei Scrapie und BSE dagegen typisch.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist alarmiert. Ihr Sprecher Philippe Stroot: "Es muß eine bisher unbekannte Krankheit sein, die auf BSE zurückzuführen sein könnte."

In den zwanziger Jahren waren der Kieler Neurologe Hans Creutzfeldt und sein Hamburger Kollege Alfons Jakob auf eine rätselhafte Krankheit gestoßen. Sie begann mit Schlaflosigkeit, heftigen Kopfschmerzen, Gedächtnisausfällen. Die Patienten konnten sich bald nicht mehr an Namen, Daten oder Begebenheiten erinnern. Dann verloren sie die Kontrolle über ihre Bewegungen, die Muskeln begannen zu zucken. Sie fielen ins Koma und starben. Als die Neurologen die Gehirne der Verstorbenen untersuchten, fanden sie das Gewebe durchlöchert. Die Krankheit galt als Altersleiden.

In Großbritannien haben sich nun Fälle von schwammartiger Hirnveränderung seit 1985 mehr als verdoppelt. Waren die Ärzte aufmerksamer geworden und hatten so die Statistik verändert, oder war die rätselhafte Rinderseuche BSE auf den Menschen übergesprungen?

Auf einer britischen Farm in Ashford war 1985 das erste Mal ein Rind aufgefallen, das torkelte, zuckte, zusammenbrach und verendete. Gerald Wells und John Wilesmith vom Zentralen Veterinärmedizinischen Labor in Weybridge diagnostizierten ein Jahr später an diesem Tier den Rinderwahnsinn BSE. Woher kam er?

Schäfer kennen die Symptome jenes Rindes aus Ashford schon seit dreihundert Jahren. Immer wieder war es vorgekommen, daß Schafe durchdrehten, sich an Zaunpfählen das Fell blutig rieben. Sie leiteten den Namen der Krankheit von diesem Kratzen (scrape) ab: Scrapie. Die Tiere reagierten außerdem schreckhaft, torkelten, bis sie schließlich nicht mehr stehen konnten, und starben. Über die Unsitte, Schafskadaver zu Tiermehl zu zermahlen und als Kraftfutter an Rinder zu verfüttern, könnte der Erreger über den Trog vom Schaf in das Rind gewandert sein. 1979 hatten die Hersteller die Verarbeitungstemperatur beim Kochen von Tiermehl aus Kostengründen gesenkt und eine chemische Nachbehandlung eingespart, und so könnte es sein, daß Scrapie zu BSE geworden ist.