Einerseits zeigt sich die ehrwürdige Académie Française gelassen. Andererseits schreit sie: "Katastrophe!" Einerseits beruhigt sie, das habe es immer schon gegeben. Andererseits ruft sie, diesmal sei die Lage besonders dramatisch. Einerseits hält sie es für ein kurzlebiges Ärgernis. Andererseits beschwört sie Verbrechen mit tragischen Langzeitfolgen . . .

Die Rede ist natürlich vom Französischen. Oder besser: von der Sprache, die heute in Frankreich gesprochen wird. Denn von den Normen der ehrwürdigen Akademie am Quai de Conti entfernt sie sich immer weiter. Manche nennen es Charabia oder Sabir (Kauderwelsch), andere Argot (Gaunersprache) oder Patois (Mundart), wieder andere Verlan (das Umgekehrte) oder Adolang (die Sprache der Heranwachsenden). Wie auch immer: Wenn die französische Jugend das Wort hat, verstehen immer mehr immer weniger. Und den Hütern des 302jährigen Dictionnaire, die einzig Wörter in ihr Heiligtum lassen, die jahrzehntelang antichambriert haben, fahren Schauer über die gebeugten Rücken.

Die Kontaktanzeige in der linken Tageszeitung Libération, "Nana cherche keum trip skin keupon psycho 24-28", läßt sich jedenfalls mit Hilfe des offiziellen Wörterbuchs der Académie nicht enträtseln. Volkstümlich läse sich das Inserat etwa so: "Jeune femme recherche mec genre skinhead ou punk aimant la musique psycho et âgé de 24 a 28 ans" ("Junge Frau sucht 24- bis 28jährigen Skinhead- oder Punk-Typen, der Psychomusik mag"). Es stutzt ebenso der Lehrer, dessen Schülerin eine Absenz mit den Worten ankündigt: "Je suis out, y a ma reum qui se rima", was in Français comme il faut hieße: "Je ne peux pas venir, parce que ma mère se marie" ("Ich kann nicht kommen, weil meine Mutter heiratet").

Natürlich gibt es auch in Frankreich seit jeher eine Jugendsprache oder aber Idiome, wie sie etwa im Verbrechermilieu oder zu Beginn des Jahrhunderts zum Beispiel unter Pariser Metzgern verbreitet waren. Sie beschränkten sich jedoch darauf, wenige Wörter, zumeist Kraftausdrücke, sowie ein paar Floskeln neu zu schaffen oder abzuwandeln. In den meisten Ländern gilt das bis heute. Wenn ein deutscher Jugendlicher mit Altersgenossen spricht, runzeln zwar die Eltern beim einen oder anderen Wort die Stirn oder werden rot, doch den Sinn des Gesagten werden sie mühelos begreifen. Nicht so in Frankreich.

Dabei begann alles ganz harmlos. Da wurden zuerst "lange" Ausdrücke wie "appartement" oder "petit déjeuner" verstümmelt, also zu "appart" und "petit déj". Doch das war offenkundig so einfach, daß selbst mäßig begabte Erwachsene mitkamen und sich Snobs, besonders jene, die in "Saint-Trop" oder "Courch'" (Courchevel) Urlaub zu machen pflegen, selber diese Kurzformen aneigneten. Also wich die echte Jugend auf Verlan aus. Verlan ist die Umkehrung des Wortes "l'envers", was auf deutsch wiederum "das Verkehrte" heißt. Beim Verlan werden Begriffe umgestülpt: "café" wird zu "féca", "bizarre" zu "zarbi", "viens" zu "yienv" oder eben "mère" zu "reum" und "mec" zu "keum". Weil zumindest die hellsten unter den Volljährigen auch hier mithielten, mußte das Spiel weitergehen. Und zwar mit dem Verlan des Verlan. Aus "mère" gleich "reum" wird nun "meureu".

Zwecks zusätzlicher Verschlüsselung entstand eine Vielzahl von Ausdrücken, die "chébran" sind, das heißt "branché", also in. Wörter wie "les biomanes" für Eltern, "canal plus" in Anlehnung an den nur mit einem Decoder zu empfangenden Kabelkanal für "eine umständliche Person", "nain" für "Kind" oder "MC" für "maitre de cérémonie", ein Adolang-Wort, das dank des Starrappers MC Solaar gar den Rhein überquerte. In Frankreich stellt inzwischen jeder bessere Schallplattenaufleger in einer Diskothek seinem Namen ein "MC" voran. Immer häufiger wird auch auf das Arabische oder auf die Sprache der Zigeuner zurückgegriffen, die in den südfranzösischen Banlieues stark vertreten sind. So verleugnet der Ausruf "J'ai la hach" ("Ich schäme mich") seine Herkunft vom arabischen "hachmah" ("Schande") keineswegs. Statt wie einst Wörter durch Abschneiden der Endung zu verkürzen, wird heute neckischerweise oft der Anfang gekappt. Das "problème" wird zum "blème", der Schaffner vom "contrôleur" zum "leur" oder aber, weil das denn doch zu kurz ist, zum "leurleur". Nicht mehr die weisen und greisen Académiciens oder der Kulturminister, sondern Hunderttausende von namenlosen Jugendlichen übernehmen das Sprachdiktat. Unablässig zeugen sie mit dem Französischen Bastarde.

Kein Wunder, daß Fernsehsendungen, in denen brave Jugendliche in biederem Französisch parlieren, bei vielen spöttisches Lachen auslösen - als liefen da Dokumentarfilme über die Kommunikation der Affen. Manche Erwachsene ärgern sich. Andere hingegen, vorab Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter oder Vorstadtpfarrer, möchten sich einfühlen - oder anbiedern. Die ersten Wörterbücher, die es für Adolang gibt, gehen weg wie warme Semmeln. Sie verkaufen sich weit besser als das "Wörterbuch der offiziellen französischen Begriffe", an dem achtzehn Arbeitsgruppen aus allen Ministerien arbeiten, um der englischen Sprachinvasion Einhalt zu gebieten (statt "walkman" soll der Bürger "baladeur" sagen und so weiter). Aber auch die besten Fibeln für verzweifelte Eltern leiden freilich unter einem gravierenden Mangel: Sie sind allesamt kurz nach Erscheinen antiquiert - mitunter sogar schon vorher.