Abgetakelte Industrieregionen sind nicht schön. Doch gerade weil das nordfranzösische Lille bessere Tage gesehen hat, wurde die Stadt von der Siebenergruppe der größten Wirtschaftsmächte als Kulisse für ihren zweiten Beschäftigungsgipfel gewählt. Die Minister für Arbeit, Wirtschaft und Finanzen aus den G-7-Ländern wollen nächste Woche fortsetzen, was vor zwei Jahren in Detroit begonnen wurde: die gemeinsame Suche nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit.

Bisher hat diese Suche allerdings nicht viele Ergebnisse gebracht. Außer vier Studien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und Kontakten zur amerikanischen Arbeitsverwaltung sind in Bonn keine Wirkungen der Konferenz von Detroit bekannt. Und was die Beschäftigung selbst angeht: Arbeitsplätze wurden seither vor allem in den Vereinigten Staaten geschaffen, während in fast allen übrigen Ländern der Siebenergruppe nur die Zahl der Arbeitslosen wächst. Auch in der Analyse der Ursachen ist man nicht wesentlich weitergekommen. Die Amerikaner preisen ihren flexiblen Arbeitsmarkt und niedrige Sozialstandards, während die Europäer zwar mehr Flexibilität wollen, aber auch die Vorzüge des eigenen Sozialmodells sehen.

Könnten sich die Minister den Ausflug nach Lille also sparen? Ja, wenn das Ziel in der koordinierten Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bestünde. Die wird nicht zustande kommen. Nein, wenn man die Meßlatte tiefer legt: Erfahrungen auszutauschen ist auch schon ein lohnendes Ziel. Ein gutes Beispiel dafür sind die französischen Dienstleistungsschecks, mit denen bisher schwarz beschäftigte Haushaltshilfen und Altenpfleger zu normalen Arbeitnehmern werden, weil der Staat den Arbeitgebern Steuervorteile gewährt. Die Bundesregierung will dem französischen Modell nacheifern, doch noch bremst Finanzminister Theo Waigel.

Sicher braucht man keine G-7-Konferenz, um zu erfahren, was der französische Nachbar macht. Doch um politischen Druck zu machen - auch in der eigenen Regierung -, ist es sinnvoll, die Ressortchefs zusammenkommen zu lassen. So will Arbeitsminister Norbert Blüm die Konferenz von Lille wohl auch dazu nutzen, den Kollegen Waigel von seinem Bremserkurs bei den Dienstleistungsschecks abzubringen. Das Beispiel zeigt nicht zuletzt, daß gerade die Steuerpolitik, die grundsätzlich wenig mit Beschäftigungsförderung zu tun hat, bei den heutigen hohen Abgabenquoten schon mit geringen Veränderungen legale Erwerbsarbeit behindern oder fördern kann.

Schließlich könnte Lille den Anstoß dafür geben, sich mit Fragen zu befassen, die alle hochentwickelten Länder bewegen: Warum schaffen die Vereinigten Staaten so viel mehr Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, und zwar nicht nur "McDonald's-Jobs", sondern häufig gut bezahlte Arbeit für qualifizierte Arbeitnehmer? Was nutzt die Flexibilisierung der Arbeitszeit, wenn sie wie in der Chemieindustrie Produktivitätssprünge verursacht, die keine Neueinstellungen bewirken, sondern Personalabbau? Führen Globalisierung und internationaler Standortwettbewerb dazu, daß statt Unternehmen und Kapital bald nur noch die Arbeitskräfte mit Steuern und Abgaben belastet werden, weil sie nicht abwandern können? Verschärfen wir damit die Probleme am Arbeitsmarkt?

Keine G-7-Konferenz kann diese Fragen auch nur ansatzweise lösen. Es wäre aber schon einiges gewonnen, wenn sie offen gestellt würden. Dafür müßten die Minister bei der Anreise allerdings viel von ihrer Betriebsblindheit ablegen - und die Neigung, im Ausland nur auf ihr jüngstes nationales Standortprogramm zu verweisen.