Verteidigungsminister Rühe gibt sich eisenhart. "Wir dürfen uns nicht in den Schluchten des Balkans verirren", erklärt er im Karl-May-Stil und versichert, nach dem 20. Dezember 1996 werden keine deutschen Truppen mehr auf dem Balkan stehen. Rühe ist nur konsequent. Im Dezember vorigen Jahres, als sich die ersten Bundeswehrsoldaten auf den Weg machten, hatte er in der ZEIT bekräftigt: "Es kann kein endloses Engagement geben, und es kann auch kein Engagement geben, was über das jetzige hinausgeht." Der Bundeskanzler jedoch deutet schon Flexibilität an. Am vergangenen Dienstag gestand er in einer Pressekonferenz: "Ich weiß noch nicht, . . . wie lange es dauert."

Schon vor Entsendung der Implementation Force (Ifor) der Nato hatten die obersten amerikanischen Militärs ihren Präsidenten gewarnt, nur eine auf mehrere Jahre bereitgestellte Militärpräsenz könne in Bosnien ehemalige Kriegsparteien zu Partnern machen und den Aufbau des zerstörten Landes abstützen. Bill Clinton jedoch war überzeugt, er könne seinem Land nur ein einjähriges Engagement zumuten.

Repräsentantenhaus und Senat hatten ihre Abneigung gegen die ganze Operation überdeutlich signalisiert; sie fielen dem Präsidenten nur deshalb nicht in den Arm, weil er sich öffentlich verpflichtet hatte, mit 20 000 amerikanischen Soldaten zur Nato-Truppe beizutragen. Im November 1996 stellt Clinton sich zudem der Wiederwahl. Da möchte er den zunehmend auf sich selbst fixierten amerikanischen Wählern vorführen, daß die boys auf dem Heimweg sind. Die Nato hatte keine andere Wahl, als den innenpolitischen Kalender Clintons zur eigenen Richtschnur zu machen.

Aber der Friedensprozeß in Bosnien wird nicht von der amerikanischen Innenpolitik, sondern von den Entwicklungen auf dem Balkan bestimmt. Und diese lassen die Hoffnungen des Abkommens von Dayton schwinden, bis Ende des Jahres könne der Frieden sich gleichsam selber tragen. Deshalb überlegen Diplomaten bei der Nato und in vielen westlichen Hauptstädten seit geraumer Zeit, wie der Westen die Selbstfesselung an die unrealistische Jahresfrist lockern könne. Gelingt dies nicht, wäre nicht nur ein neuer Krieg programmiert; auch der Nato stünde eine tiefe, neue Krise bevor.

Der Krieg scheint dann kaum abwendbar. In der vergangenen Woche legte das Pentagon eine Studie seines Geheimdienstes vor, die unverblümt feststellt, die Aussichten für ein lebensfähiges Bosnien seien düster, wenn die Nato abziehe. Eine Untersuchung der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik warnt: "Ähnlich wie zuvor Unprofor (den Uno-Blauhelmen) könnte es . . . auch der Ifor passieren, daß die verfeindeten Armeen hinter der von der Friedenstruppe überwachten Frontlinie neue offensive Kapazitäten aufbauen." Carl Bildt, der Koordinator für den zivilen Aufbau Bosniens, gesteht öffentlich, die Erfolgsaussichten seiner Arbeit hingen davon ab, daß es in Bosnien "ein Bewußtsein allgemeiner Sicherheit gibt, welches eine gewisse militärische Präsenz verlangt". Zöge die Nato ihre Truppen aus Bosnien ab, hätte sie nicht mehr zuwege gebracht als "den teuersten Waffenstillstand der Geschichte" (Nato-Generalsekretär Solana).

Das westliche Bündnis würde dann erneut in ein Zerwürfnis zwischen Europäern und Amerikanern gestürzt. Schon werden gegenseitige Schuldzuweisungen vorbereitet, wer dann für das Scheitern in Bosnien verantwortlich sei: Natürlich die Europäer, heißt es in Washington, weil die nicht genug für den zivilen Aufbau getan haben (der doch eine Aufgabe aller ist); natürlich die Amerikaner, heißt es in europäischen Kanzleien, weil die sich weigerten, die Ifor-Soldaten auch als Garanten für die zivile Ordnung in Bosnien einzusetzen. Das westliche Bündnis, das 1995 nach drei Jahren interner Querelen endlich in Bosnien die Chance sah, seine Zukunftsfähigkeit zu demonstrieren, würde erneut zum auslaufenden Modell gestempelt.

Was also ist zu tun? Zunächst einmal abwarten, lautet das Motto der meisten Regierungen. Im September wird, wenn alles gutgeht, in Bosnien gewählt - dann könne man weitersehen. Aber wenn der Abzug der Ifor kurz bevorsteht, werden bei den Wahlen kaum jene die besten Chancen haben, die auf den Frieden setzen. Deswegen muß bald geklärt werden, wie das westliche Militär-Engagement nach Ifor aussehen wird - für Bosnien wie für die Länder, deren Truppen betroffen wären.