Was für ein jäher, vehementer Einsatz. Wie besinnungslos stürzt der Text in eine chaotisch unübersichtliche Situation: Irgendeine Helene wird 3 Uhr nachts alarmiert durch den Notruf einer Freundin namens Püppi. Doch die sitzt, als die Alarmierte eintrifft, vergnügt im Schaumbad, hat zwei Männer in der Wohnung, der eine sturzbetrunken, der andere wach und geil, dazu ein Kleinkind und dessen thailändische Bewacherin und am Telephon die aus Salzburg hysterisch kreischende Frau des einen Mannes. Am Ende des Romantextes wird diese Püppi ebenso wie die Frau im Telephonhörer umgekommen sein durch Selbstmord. Nicht dagegen Helene, der wir das über die folgenden fast dreihundert Seiten immer wieder zutrauen.

Zum Umfallen, zum Wegdösen, Wegtreten müde ist sie häufig genug: "Sie dachte, sie würde nicht mehr aufstehen können. Einen Augenblick war ihr das auch gleichgültig. Liegen. Dachte sie. Liegenbleiben. Einfach liegen bleiben." Damit ist früh ein immer wieder aufgenommenes, durchvariiertes Leitmotiv gesetzt. Denn Helene, die "ordentliche Freundin", das "wei&szlige Reh", deren Leben von der gleichen geilen Hast und schmuddeligen Unordnung entstellt ist wie das ihrer ganzen Wiener Umgebung, wird sich immer wieder erheben für einen Ordnungsversuch, einen immer wieder vergeblichen. So etwas macht müde, sterbensund lebensmüde vor lauter "Wut und Ohnmacht" - ein weiteres Leitthema des Textes.

Das alles klingt womöglich vorlaut werbend, blind für die Widerstandskraft, mit der Marlene Streeruwitz und ihr Text sich aller gefälligen Lektüre entgegenstemmen. Um klipp und klar zu warnen: Wer die Eingangssequenz, die ersten fünf bis sieben Seiten überstanden hat, unangerührt, uneingefangen vom sanften Rasen, dem rhythmisch synkopierten Lauf dieser Prosa, desinteressiert auch an so kaputten Personen und Milieus und womöglich noch erwartungsvoll gespannt auf den strukturellen Zugriff einer Story, eines Plots - der sollte die Lektüre lieber gleich aufgeben. Er wird hier schlecht bedient werden und enttäuscht.

Denn diese erste längere Prosaarbeit der Stückeschreiberin Streeruwitz ist mit einem Schlag hinaus über die alberne, doch wieder beflissen diskutierte Alternative, ob das Erzählen auf deutsch nicht lieber weltläufig unterhaltend statt kunstbastlerisch langweilig sein sollte. Weder schielt sie auf ein Einschaltquoten-Publikum noch auf den Applaus einer nur an Avantgarde-Leistungen interessierten Kritik. Hier wird nicht auf Kasse und nicht auf Klasse hin erzählt, sondern bitter, stur, ja fast fanatisch vom einmal gewählten Thema aus. Und das hei&szligt eben hier: konzentriert auf nichts als die Erfahrungen dieser einen Hauptfigur Helene, 30, allein mit zwei Kindern im frühen Schulalter, samt Schwiegermutter, in Wien vom Frühjahr bis in den Herbst 1989. Aus dieser engen, strengen Perspektive gibt es kein Entrinnen, weder für die (nahezu unsichtbare, unhörbare) Erzählerin noch für den Leser.

Das erfordert allerdings schon einen energischen Kunstaufwand, den Streeruwitz auch überstrapaziert, steigert bis zur Manier. So strikt, so hermetisch werden wir hineingezogen in die Innenwelt dieser Heldin, daß wir auch deren Wiener Alltagsverläufe nur noch im Sprachreflex ihrer subjektiven Wahrnehmung erleben. Virtuos und mit stark persönlichem Akzent setzt die Autorin dazu das Kunstmittel der sogenannten Erlebten Rede ein, den unendlichen, in der Vergangenheitsform erzählten, dadurch immer wieder fast unmerklichen inneren Monolog. Die Ängste, die Hoffnungen, die Wut- und Müdigkeitsanfälle, die Erinnerungen, Vermutungen, Berechnungen, Irrtümer dieser Mittelpunktsfigur geraten in einen bald heftigen, bald resignierten Dialog und Konflikt mit ihren Tagesläufen, so daß Innen und Au&szligen, Welt und Wahrnehmung, Erzählprotokoll und Figurenstimme immer ununterscheidbarer ineinandergleiten.

"Sie sah auf den Teich und die gotische Burg hinunter. Dann sprang sie auf den Weg. Sie konnte nicht kündigen. Es war nicht falsch gewesen. Es war nicht unrichtig gewesen. Es war richtig gewesen. Diese Kinder waren richtig. Und sie hatte es richtig gemacht. Helene ging eine gro&szlige Wiese entlang. Sie setzte sich unter einen gro&szligen Baum. Über der Wiese war es eine Spur heller. Unter den Bäumen herrschte Finsternis. Helene blieb da sitzen. Niemand auf der Welt wu&szligte, wo sie jetzt war."

Noch an so auf den ersten Blick unscheinbaren Stellen entdeckt man den stark stilisierenden Zugriff, Schmucklosigkeit bis zur Monotonie, dann den Rhythmuswechsel, schlie&szliglich einen scheuen Augenblick von fast Poesie - und entdeckt die strategische Absicht: Weder will die Autorin, noch soll die Erzählung oder der Leser einen Überblick, eine Überlegenheit gewinnen, die das Bewu&szligtsein der Heldin überragen. Was sie Tag für Tag erfährt, darf auch nicht in die literarische Ordnung einer Handlung, einer Konfliktserie mit Lösungsmöglichkeit überführt, hineingerettet werden. Nicht einmal irgendeine verbindliche Moral und Wertordnung scheint das Chaos dieser Wiener Tages- und Nachtläufe zu strukturieren. Es sei denn, die schwerlich zu übersehende Scheu&szliglichkeit der in Helenes Blickfeld hineinstreunenden Mannsbilder, aggressiv geil oder evasiv unfa&szligbar, mit ein paar vom einen ins andere Muster hinüberchangierenden Übergangserscheinungen.