Bier bald in Plastikflaschen? – Seite 1

Die wahre Revolution spielt sich nicht in bayerischen Biergärten ab, sondern im schwedischen Malmö und im französischen Dünkirchen. Freilich geschieht dies weit weniger spektakulär, als es der Kreuzzug der Münchner gegen den frühen Ausschankschluß war. Der erste Schritt ist nahezu abgeschlossen, der zweite folgt in aller Stille.

Schritt eins war die gro&szligflächige Verdrängung der Bierflasche durch die Dose. Über 5,5 Milliarden Blechdosen werden jährlich in der Bundesrepublik gefüllt, in jeder Stunde sind dies knapp 650 000 Dosen. Und allen Umweltargumenten zum Trotz ist der Siegeszug nicht mehr zu bremsen.

Derweil wird in den Experimentierstuben der zwei grö&szligten europäischen Verpackungshersteller - bei Schmalbach-Lubeca im deutschen Mendig und im französischen Dünkirchen sowie beim Gro&szligkonzern PLM ABX im schwedischen Malmö - mit Hochdruck an der Bierflasche der Zukunft gebastelt. Nach Softdrinks, Tafelwasser und Fruchtsäften soll in den nächsten Jahren auch Bier in Plastikflaschen abgefüllt werden. Laut PLM-Chef Rolf Börjesson sei dabei weniger an Premiumbier als an Standardbier gedacht. Auch bei Schmalbach-Lubeca, bestätigt Unternehmenssprecher Walter Sprenger, werde man diesen Trend nicht verschlafen. Doch allzu offensiv möchte man diese Tendenz derzeit noch nicht propagieren. Sprenger: "So wie die Idee der PET-Weinflasche marktpsychologische Hemmnisse zu überwinden hat, wird es wohl auch bei Bier sein. Aber warten wir mal ab. Wenn bei Mineralwasser der Durchbruch geschafft wird - und wir sind kurz davor -, dann wird sich auch beim Bier etwas ändern. Das wird sich durchsetzen!"

Bei Schmalbach-Lubeca sind die Weichen bereits gestellt. Der Konzern mit seinen 4,1 Milliarden Mark Jahresumsatz, mit 12 600 Mitarbeitern und 68 Produktionsstätten in Europa, Amerika, Indien und China gehört zu 51,38 Prozent dem Viag-Konzern und zu 10 Prozent der Deutschen Bank. Und sie alle wollen am Dosen- und PET-Flaschen-Boom kräftig mitverdienen. Im französischen Dünkirchen wird die Herstellung der PET-Rohlinge, der sogenannten Preforms, zentralisiert. Die winzigen Plastikflaschenrohlinge werden dann an den Abfüllorten aufgeblasen zu 1-Liter- oder 1,5-Liter-Behältern. Mehr als 200 Millionen solcher Polyethylenterephtalat-Behälter stellt Schmalbach-Lubeca jährlich her. Tendenz steigend.

Die meisten deutschen Mineralbrunnen, mit Ausnahme von Gerolsteiner, wollen bislang von den PET-Flaschen nichts wissen und halten an den 0,7-Liter-Glasperlenflaschen fest. Hauptgründe dafür sind die teuren Abfüllanlagen, die sich ein mittelständischer Betrieb kaum leisten kann, und das ungelöste Acetaldehydproblem. Die PET-Flaschen geben nämlich nach wie vor geringe Mengen dieses Stoffes ab, und das führt zu einem unerwünschten Beigeschmack.

Der Bund Naturschutz (BN) und eine ganze Reihe Mineralwasserabfüller glauben zudem, daß das so hochgelobte PET-Mehrwegsystem nur eine bundesdeutsche Zwischenlösung sein könnte. Schon werden ernsthaft Pläne für ein "Reinigen durch Einschmelzen" diskutiert. Olaf Bandt, der Abfallexperte des BN, fürchtet, daß nach einem Konzentrationsprozeß in der Getränkeindustrie das deutsche Mehrwegsystem schnell europäischen Regelungen zum Opfer fallen könnte. "Bis dahin ist der Markt bereinigt, und die Gro&szligen können das Geschäft untereinander aufteilen." Ähnliches befürchten auch mittelständische Brauereien im Hinblick auf den Dosenboom. Im bisherigen "Brauerei-Wunderland" Bayern, das lange Zeit von der Bierdose weitgehend verschont blieb, stieg der Dosenbieranteil 1994 um 63 Prozent, im ersten Halbjahr 1995 um nochmals 40 Prozent. Gleichzeitig machen immer mehr Braustätten dicht. In anderen Bundesländern läuft es ganz ähnlich. War die Dosenindustrie nach dem Ausrufen mehrerer "dosenfreier Zonen" zunächst auf Tauchstation gegangen, so blies sie dieser Tage zur Gegenoffensive. Marktführer Schmalbach-Lubeca forderte durch seinen Vorstandschef Hanno C. Fiedler kurzerhand die Abschaffung der Mehrwegquote von 72 Prozent, lobte die Dose zum ökologischen und ökonomischen "Superding" hoch, das Transportkosten und Lkw-Kilometer spare, und watschte gleich auch noch die Klein- und Mittelbrauereien, sie hätten die Marktentwicklung verpennt.

Pressesprecher Sprenger wurde gar noch deutlicher. "Das deutsche Bier hat den höchsten Imagewert der Welt und mit gut sechs Prozent einen erbärmlichen Exportanteil." Da habe die deutsche Brauwirtschaft schlicht und einfach geschlafen. In Mehrwegflaschen lasse sich der Export nun einmal nicht bewältigen.

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Die Kritik, daß sich die Brauereien und der Brauerbund au&szliger dem Klagelied gegen die Dose reichlich wenig einfallen lassen, wird nun auch von ausgemachten Dosengegnern immer lauter. "Wo bleibt die Leichtglasflasche, wo bleibt der Mehrweg-Leichtglas-Six-Pack als Gegenstück zum Dosen-Six-Pack?" wird gefragt. Beim Abfallzweckverband Kempten, der vier Jahre nach der Nordseeinsel Föhr ebenfalls eine "dosenfreie Zone" proklamierte, ärgert man sich ebenfalls über die Entwicklung. "Immer noch wandern Berge von Dosen in den Hausmüll", klagt Pressesprecher Christian Oberhaus. Die Dose gelte immer mehr als chic, die Flasche als altmodisch. Und die ökologischen Argumente, der Hinweis auf die Ökobilanz des Umweltbundesamtes, würden auf Dauer auch keine nachhaltige Dosenbremse darstellen.

Schmalbach-Lubeca hat bereits eine neue Ökobilanz für die Getränkedose in Auftrag gegeben und die Zahlen des Umweltbundesamtes als überholt bezeichnet. Die Berliner Behörde bleibt zwar bei ihrer Aussage, daß die Dose der Mehrwegflasche in fast allen Bereichen ökologisch unterlegen sei. Aber Zweckverbandsmann Oberhaus ist sich heute schon sicher, was bei der neuen Ökobilanz herauskommt. "Ist doch klar, wes Brot ich ess', des Lied ich sing'."

Wenn die Weichen aber endgültig auf Dosenbier und bald auch auf Plastikflaschenbier gestellt sind, dann ist der Zug für die kleineren Brauereien wohl definitiv abgefahren.

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