Unlängst war ich bei meiner Henne. Sie hört auf den Namen Désirée.

Zugegeben - alle 320 Hennen hören auf den Namen Désirée. Alle 320 im Hühnerstall der Frau Rosa Kumpusch in Ettendorf bei Stainz im Schilcherland in der Südweststeiermark in Südostösterreich.

Alle 320 Hennen hören überdies auf die Namen Auguste, Daphne, Clementine, Sissi, Mitzi, Gerli, Sonja, Anja, Tanja ... Um die Sache zu verkürzen: Jedes Huhn hört auf jeden Namen. Stellt man sich in den Stall der Frau Rosa Kumpusch und ruft irgendeinen Namen, bleibt allen 320 Hühnern schlagartig das Gackern im Halse stecken, sie drehen ihre Köpfe her und warten angespannt, was passiert. Es passiert nichts. Sie warten zwei Sekunden. (In der ersten vergessen sie, worauf sie warten. In der zweiten, daß sie warten.) Dann gehen sie gackernd ihrer jeweiligen Untätigkeit nach.

Meine Henne heißt Désirée, weil auch sie sich angesprochen fühlte, als ich im Hühnerstall "Désirée" rief. Die Hühner dürften übrigens weder miteinander verwandt noch verschwägert, sondern ident sein, frisch der Vervielfältigungsmaschine entschlüpft. Sollten Sie sich fragen, wie ich Désirée von ihren 319 Plagiaten unterscheiden konnte und kann, so möchte ich Ihnen höflich mitteilen, daß das also wirklich mein Problem ist.

Es war nicht meine Idee, mit Désirée Kontakt aufzunehmen. Ich wurde sozusagen angeworben. Auf einer Eierpackung in einem Wiener Supermarkt stieß ich bei der obligatorischen Suche nach dem Wörtchen "Freilandhaltung" auf die Banderole "Schilcherland", eines Vereins, welcher lokale Spezialitäten gehobener Qualität zu vermarkten versteht. Text der Animation: "Kommen Sie doch, besuchen Sie die Henne, die Ihr Frühstücksei legt!" Das traf sich gut. Die wollte ich immer schon kennenlernen.

Treue Freunde versuchten, mich zurückzuhalten. "Nimm's nicht so wörtlich", meinte einer. "Du weißt, wie in der Werbung übertrieben wird", sagte ein anderer. "Die Henne deiner Eier wirst du niemals finden", prophezeite ein dritter. Aber da stand mein Entschluß schon fest: Ich mußte sie sehen.

Ich fühle mich einer Konsumentengeneration zugehörig, in der das Vergnügen am Essen nicht mehr daran gemessen wird, wie gut es schmeckt, sondern, woher es kommt - und wie gut es ihm vor der Verspeisung ergangen sein mag. Bezüglich des Vorlebens von Gemüse hält sich meine emotionelle Zuwendung in Grenzen. Dem Angebot "Besuchen Sie die Kartoffel, aus der Ihre Pommes frites geschnitten werden", hätte ich wahrscheinlich widerstehen können.