Wo es Verlierer gibt, finden sich stets auch Gewinner. Während die Aktienkurse von Nahrungsmittelunternehmen nach unten sackten und um mehrere Milliarden Mark an Wert verloren, sah man anderswo die Chance, vom Rinderwahn und der möglichen Verbindung zur menschlichen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu profitieren. Der Pharmakonzern Glaxo-Wellcome wies eilig darauf hin, die aufwendigen Forschungen der Vergangenheit in neurodegenerative Krankheiten könnten womöglich bald schon Rezepte gegen Creutzfeld-Jakob zutage fördern. Elektrophoretics, ein kleineres Unternehmen, ist dabei, im Auftrag des Londoner Landwirtschaftsministeriums einen "Protein-Test" zu entwickeln, der BSE im Lebendrind feststellen kann. Direktor Christopher Pearce: "Ein solcher Test könnte obligatorisch werden vor dem Verkauf von Rindern." Die Konkurrenz von Proteus International ist bereits einen Schritt weiter und verweist auf einen bereits einsetzbaren "histo-chemischen" Test für Rinderhirn, der in Versuchen in Irland eine "hundertprozentige Trefferquote" aufwies. Das Unternehmen hofft, daraus einen standardisierten Test zu entwickeln, dem dann in Zukunft alle Fleischprodukte unterworfen werden sollen, bevor sie jenes Gütesiegel der "Spongiform-Unbedenklichkeit" erhalten, nach dem der britische Bauernverband und die Rinderindustrie so dringend verlangen.

Auch die Versicherungen sind nicht untätig geblieben. Immer auf der Suche nach neuen Marktnischen, demonstrieren sie zur Zeit, warum sie im Rufe stehen, besonders innovativ zu sein. Skandia Life verkündete als erste Gesellschaft, ihre Police für "schwere Erkrankungen" böte bereits Versicherungsschutz gegen diese tödliche Gehirnkrankheit, denn sie falle unter "präsenile Dementia". Die Konkurrenz Scottish Provident schlug sogleich zurück und wies darauf hin, daß der Versicherungsschutz mit 65 auslaufe, im Gegensatz zu den neuaufgelegten Policen.

Nicht bekannt ist, ob gerade jene Briten nach den Versicherungen verlangen, die jetzt kräftig zulangten, als die Supermärkte Rinderfilets und Steaks zu Schleuderpreisen abstießen. Einmal mehr erweist sich Rindfleisch als Barometer der nationalen Seele. Jahrhundertelang galt Beef als Symbol britischer Überlegenheit - ein chauvinistischer Mythos, der schon von Shakespeare gepflegt wurde. Er ließ schon den Constable von Frankreich erklären, englische Soldaten und ihre Hunde würden nach dem Genuß von Rindfleisch "wie die Teufel kämpfen". Nicht wenige Briten halten jetzt, in der Stunde der Not, den demonstrativen Verzehr eines Rindersteaks für angebracht als Geste des Patriotismus und des trotzigen Behauptungswillens gegen die "tückischen Angsthasen" auf dem europäischen Kontinent.

Der Regierung Major kommen solche Gefühle nicht nur sehr gelegen, sie schürt sie nach Kräften, um von der eigenen Verantwortung für die Rinderkrise abzulenken. Im Umgang mit der EU verfolgte London denn auch eine zynische Doppelstrategie: Im Kreise der EU-Regierungschefs buhlte der Premier um möglichst viel Geld aus der EU-Kasse, während Tory-Politiker zu Hause nach Kräften auf die bewährten europäischen Sündenböcke eindroschen. "Nichts ist so schlecht, daß die arroganten antibritischen Euroherren in Brüssel es nicht noch schlechter machen könnten", schrieb Lord (Norman) Tebbit, der frühere Parteichef der Tories, im Massenblatt Sun. Und Schatzkanzler Norman Lamont forderte den Premier auf, die Europäische Union durch ein Dauerveto lahmzulegen, bis Brüssel das Exportverbot für britisches Rindfleisch aufgehoben hat.

Solche xenophoben Ausfälle zeigen Wirkung; zumal in jenen ländlichen Regionen, wo die Angst vor dem Ruin um sich greift und der wirtschaftliche Einbruch bereits zu spüren ist. Die britische Landwirtschaft hat einen Schlag erlitten, von dem sie sich so bald nicht erholen wird. Der Makel BSE wird lange haftenbleiben, selbst wenn die Angst vor britischem Rindfleisch abflauen sollte. Auf Farmen, in Schlachthöfen und in der Verarbeitungsindustrie könnten Zehntausende von Jobs für immer verlorengehen. Viele Betriebe behalfen sich bislang mit Kurzarbeit und Zwangsurlaub, den Vorboten eines dauerhaften Beschäftigungseinbruchs. In der vergangenen Woche wurden nicht einmal einhundert Rinder in die Schlachthäuser getrieben; sonst müssen dort 8000 bis 10 000 Tiere ihr Leben lassen, um den Proteinhunger der Briten zu stillen.

Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der BSE-Krise sind schwer abzuschätzen. Sie werden von vielen Faktoren beeinflußt, nicht zuletzt von der Zahl neuer Erkrankungen bei Menschen. Im schlimmsten Falle wird das Wachstum um ein Prozent zurückgehen, die Staatsverschuldung drastisch, um 30 bis 40 Milliarden Mark, nach oben schnellen, die Inflationsrate um einen Prozentpunkt steigen und, wegen der Importe von Milch und Fleischprodukten, die Zahlungsbilanz um fünf bis sechs Milliarden Pfund (20 bis 25 Milliarden Mark) tiefer ins Defizit rutschen. Im besten Falle rechnet man in der Londoner City mit 0,2 Prozent Wachstumsrückgang und einer Zunahme der Inflation in der gleichen Größenordnung. Als sicher gilt, daß auf Dauer an die 50 000 bis 60 000 Arbeitsplätze verschwinden werden - in der Fleischverarbeitungsindustrie, im Transportsektor, in Schlachthäusern und Supermärkten.

Dabei ist noch nicht einmal sicher, ob das blutige Ritual einer Massentötung von älteren Rindern sich tatsächlich als vertrauensbildende Maßnahme erweisen wird. Die britischen Farmer richten sich darauf ein, daß künftig pro Woche rund 15 000 ältere Rinder ihr Leben lassen müssen. Die Tiere sollen mit Bolzenschuß getötet und dann verbrannt werden. Gewaltige logistische und technische Probleme zeichnen sich ab. Die neun Hochtemperaturöfen, die man wegen BSE erbaut hatte, können pro Woche bestenfalls mit 3000 Kadavern fertig werden. Zur Zeit verbrennt man darin pro Woche 300 BSE-infizierte Kühe. Den Vorschlag, auf den Farmen Gruben auszuheben und dort die Kuhkadaver zu verbrennen, hat man schnell verworfen; der unbekannte BSE-Erreger könnte durch den Rauch auf Wiesen oder Felder niedergehen oder ins Grundwasser gelangen. 36 neue Verbrennungsöfen zu bauen kostet Geld und Zeit. Beides ist rar. Nun zeichnet sich eine Zwischenlösung ab: Das Fleisch der Tiere soll so lange tiefgefroren zwischengelagert werden, bis Verbrennungskapazitäten frei sind - oder sich doch wissenschaftlich unbestritten die Unbedenklichkeit des Rindfleischgenusses nachweisen ließe -, mit diesem Wunder rechnet allerdings niemand ernstlich. Der Schwebezustand aus Panik und Unsicherheit, aus wissenschaftlicher Unkenntnis und Wahrscheinlichkeiten dürfte noch lange anhalten.