Ein Kinderbuch über die vielen heimatlosen Jugendlichen auf den Straßen von Petersburg?" Die Fachfrauen in russischen Kinder- und Jugendbibliotheken reagieren mit Gesten des Unverständnisses; Kitsch und Pornographie auf dem Büchermarkt - das ja, aber Gegenwartsprobleme der Kinder? Leider Fehlanzeige! Junge, im Land gebliebene Talente schöpfen erst langsam Mut, Ton, Sujets und vor allem Verlage zu finden, die hautnahe Gegenwart zulassen.

Auch das 1994 vollendete und bisher nur in deutscher Übersetzung veröffentlichte Buch "Fremde Gegend" der Petersburger Psychotherapeutin Katharina Muraschowa spielt - korrekt datiert - nicht in der Gegenwart, sondern in den letzten Jahren, als St. Petersburg noch Leningrad hieß. Dieser Blick zurück verrät, daß die Existenz eltern- und heimatloser Straßenkinder schon damals und nicht erst mit dem Ende der Sowjetunion begann.

Die halbwüchsige Olga lernt Waska und Scheka kennen, zwei dieser Verlorenen, auf den Abstellgleisen des Leningrader Bahnhofs: krank, aggressiv, von Geburt an gequält und vernachlässigt, dem Heim entlaufen, offiziell entweder nicht vorhanden oder als kriminell eingestuft.

Das junge Mädchen hingegen wohnt mit Mutter und Großmutter in der behüteten Welt sowjetischer Intellektueller mit überlebenswichtigen Berufen: in einem Ghetto, dessen Grenzen Olga erst bemerkt, als sie - nach der Scheidung der Eltern - umziehen und sie an eine neue Schule muß. In der fremden Umgebung vereinsamt, fühlt sie sich vom amoralischen Charme des Älteren angezogen, ist sie voller Mitleid für die Not des Jüngeren.

In einer Schlüsselszene - vergleichbar Oliver Twists Bitte nach mehr Suppe - prallen die offizielle und die tatsächliche Wahrheit sowjetischer, russischer Kindheit aufeinander: Olga besucht als Vertreterin ihrer Pioniergruppe das ehemalige Heim der beiden Jungen. Angesichts der Elendsbilder, die sie nun im Kopf hat, empfindet sie den "bunten Nachmittag" mit Gymnastik, Liedern und Gedichten als unbeschreibliche Farce.

Doch auch die angeblich verständnisvollen, aufgeklärten Frauen in Olgas Umgebung reagieren nicht weniger schizophren. Als Olgas gefährlicher Ablösungsprozeß nicht mehr zu übersehen ist, schickt man sie zur gynäkologischen Untersuchung, um mögliche "Beschädigungen" feststellen und beseitigen zu lassen. Auch in dieser Welt also eine nach außen fürsorgliche, in Wahrheit aber barbarische Reaktion.

Die Übersetzung findet manchmal nur mühsam einen sprachlichen Kompromiß zwischen dem gesetzten russischen Original und dem uns geläufigeren, freieren Ton jugendlicher Selbstreflexion. Trotzdem läßt sie das überall lauernde Entsetzen spürbar werden: "Ich ging, stolperte, blieb ein bißchen zurück und überlegte, wie uns drei wohl ein Passant wahrnehmen würde: Waska, mager und dunkelhaarig, in seinen abgetragenen Kleidern, gebräunt von der Frühlingssonne, mit den aufgebissenen Lippen und dem starren Blick. Scheka, der in seinen Armen verloren lächelte. Und ich, mit dem Bündel, eingehüllt in einen fettigen Vorhang. Vom Knie rann in kleinen Tropfen das Blut, sickerte in den Strumpf und machte ihn warm und feucht.