Auf offener Straße begegnen sich zwei Bekannte. Beide Herren haben es eilig; mit ausgestrecktem rechten Arm zeigen sie, in welcher Richtung jeder seinen Bus nehmen muß (1). Tief gebeugt starrt auf einem Bahnsteig ein kleiner Junge zu Boden. Vielleicht sucht er einen Groschen, den ihm der junge Herr gegenüber geschenkt hat und der ihm leider weggerollt ist (2). Während hinter ihm der Zug sich in Bewegung setzt, schwenken zwei Damen, die eine am Bahnsteigrand, die andere am offenen Abteilfenster, ihre Taschentücher (3). Behutsam küßt daneben ein würdiger alter Herr eine ebenso würdige alte Dame auf die Wange (4). Etwas hilflos, mit leicht erhobener rechter Hand, winkt davor ein rundlicher Herr dem Zuge nach (5), eng umschlungen und Auge in Auge genießt ganz vorn ein Paar das Glück des Wiedersehens (6).

In einem großen Salon tritt die Frau des Hauses liebenswürdig einem Gast entgegen, der ihr die Hand küßt (7), dahinter wendet sich ein zweiter mit knapper Verbeugung einer sitzenden Dame zu (8). Auf demselben Teppich, doch nun in einem Wohnzimmer mit Übergardinen und Topfblume steht ein Herr, der einem anderen kräftig die Hand drückt (9). Davor ergreift eine behäbige alte Dame im Sessel die Hände eines kleinen Mädchens, das sich ihr nähert (10), das rechte Knie leicht gebeugt, das linke Bein zurückgenommen, den linken Fuß auf Zehenspitzen. Ganz vorn schmiegt sich ein anderes kleines Mädchen an eine junge Frau (11).

Hinter seinem barriereartigen Schreibtisch sitzt im Büro ein jüngerer Herr, vor ihm verbeugt sich ein älterer, den rechten Fuß seltsam quer gestellt (12). Rücken an Rücken mit diesem steht im leeren Raum ein weiterer, der gleichfalls den Hut abgenommen hat und eine junge Dame anblickt, die an ihm vorbeigeht (13). Ihr folgt wiederum ein Herr, er lüftet den Hut wie ein anderer, der ihm von vorn entgegenkommt (14). Nochmals im leeren Raum, aber gewissermaßen vergrößert (Halbtotale), küßt sich ein Paar (15): Happy-End.

Das läßt Fragmente von Kinogeschichten vermuten, vielleicht auch Muster häufig benötigter szenischer Kleinteile, wie sie zur Grundausstattung von Schauspielern gehören. Zugleich erinnern die Bildchen an Ratgeber für den guten Ton in allen Lebenslagen. Jede Geste entspricht einer Regel, jede Regel einer der Situationen, aus denen sich das Leben zusammensetzt.

Nicht um solche Art Lebenshilfe geht es indessen, sondern um Worterklärungen durch Bilder, genauer gesagt, um den Beitrag zum Stichwort "Grußformen" aus der ersten Auflage (Leipzig 1935) des "Bildwörterbuchs der deutschen Sprache" (des sogenannten Bilderdudens). "Spielerische Sozialforschung" durch Auflagenvergleiche des vielfach genutzten Werkes hat früher Andreas Seltzer betrieben ("Orbis Pictus", Merkur 460, Juni 1987). Hier soll es bei Tafel 306 der ersten Auflage bleiben. Wie die Beschreibung zeigt, ist uns keineswegs mehr alles geläufig. Läßt sich der Knicks (10) vielleicht noch ohne Anführungszeichen schreiben, so der "Bückling" des "Knaben" (2) oder gar der "Scharrfuß" (12) des Bittstellers sicherlich nicht mehr.

Die Herren auf der Straße (1) aber zeigen einander nicht, wo es heute morgen langgehen soll, sondern sie führen einen Gruß aus, der damals "deutsch" genannt wurde. Bekanntlich war es ein römischer. Allerlei Witze von unterschiedlicher Qualität über diese Geste wie über die zugehörige Formel ("Heil Hitler") sind überliefert. Unübertroffen wohl Werner Finck. In seiner "Katakombe" gab es 1935 den Sketch vom Herrenschneider, der beim Kunden Maß nimmt und ihn schließlich bittet, den rechten Arm zu heben. Der aber verbleibt in dieser Position. "Ja, warum nehmen Sie denn den Arm nicht herunter? Was soll denn das heißen?"

- "Aufgehobene Rechte ..." (Die "Katakombe" wurde geschlossen, Finck und Kollegen kamen für einige Wochen in das KZ Esterwegen.