Herr Chi kennt viele seiner überwiegend europäischen Kunden - auch wenn er nie ihren Kontinent gesehen hat und auch wenn sie nicht alle so berühmt sind, wie die Besucherin, die vor vier Jahren ihren Weg in das kleine Café an Hanois Hang Bong Street fand.

Ein Poster an der Wand, direkt über dem kleinen Holztisch am Eingang, zeigt den Privatunternehmer Chi aus Vietnam mit seinem bislang prominentesten Gast aus Übersee: Cathérine Deneuve. Sie schaute damals häufiger zwischen zwei Drehpausen für den Film "Indochine" bei ihm vorbei. Das allerdings ist auch schon die einzige sichtbare Reklame für Chis Unternehmen - nur wenige Reiseführer haben bislang das Café 252 ausführlicher in ihren Traveller-Tips beschrieben.

Doch allzuviel Werbung hat Chi auch gar nicht nötig. Zahlreiche Eingeweihte, Rucksacktouristen, "Expats" und Geschäftsleute insbesondere aus Frankreich, Australien und Amerika kennen und schätzen seinen "Joghurt und Pastry Shop", der bereits um sechs Uhr morgens öffnet.

Neben Frühstück, Pizza, Quiche Lorraine, Hamburgern und hausgemachtem Joghurt bietet Herr Chi nicht nur Patisserie nach feinster französischer Manier.

In mancher Hinsicht symbolisiert sein Laden auch einen Brückenschlag zwischen Vietnams fremdbestimmter Vergangenheit und der neuen, reformorientierten Zeit. Da hocken sie dann, die für das Mobiliar etwas zu groß geratenen Ausländer, rund um winzige Tischchen auf knöchelhohen Holzstühlchen. Umgeben von nur karg dekorierten Wänden, riesigen Kühlschränken voll mit Joghurt-Töpfen, Milchgläsern und Sahnetörtchen - stören sie sich keineswegs an ihrer unbequemen Sitzhaltung. Im Gegenteil: Chis Café 252 ist einer der wenigen Plätze im täglich hektischer werdenden Hanoi, wo es sich für Momente ausruhen läßt - ein Platz zum Erholen, Diskutieren und Lesen, in guter Café-Manier auch stets mit den neusten lokalen Zeitungsausgaben ausgestattet.

Zwei Straßen weiter, in der Pho Tho Nuom, entstehen die Köstlichkeiten, die von fünf Uhr in der Frühe an den ganzen Tag über frisch angeliefert werden: Auf einem kleinen Hinterhof stellen zehn Mitarbeiter, allesamt Familienmitglieder, Croissants und Pains-au-chocolats, Brioches, Käsebrötchen und Karamel-Törtchen her.

Patron Chis Vorliebe für alles Europäische und für französische Patisserie im besonderen gehen genauso wie sein fließendes Französisch zurück auf seine Jugendzeit. 1938 verließ der heute 78jährige seine indochinesische Heimat, um als Mechaniker im damals ebenfalls französisch-kolonialen Neukaledonien zu arbeiten. Politische Wirren zwangen ihn 1951 zur Rückkehr nach Hanoi, wo er nach dem ersten Indochina-Krieg 1954 als Funktionär in der nordvietnamesischen Regierung arbeitete. Zum Privatunternehmer wurde Chi erst Ende der achtziger Jahre - zu einem Zeitpunkt, als er sich eigentlich schon zur Ruhe setzen wollte. Doch Vietnams neue Öffnungspolitik und der Weg zur wirtschaftlichen Reform "Doi Moi" ließen Privatinitiative wieder zu und Chi das Geschäft mit der Patisserie schmackhaft erscheinen. Seine Rezepte für die Kuchen und Törtchen bezog der ehemalige Techniker "aus persönlicher Erinnerung" aus der einstigen Zusammenarbeit mit einem befreundeten Konditor in Neukaledonien und aus französischen Fachbüchern. Sein Rezept für die angenehme Atmosphäre in seinem Laden: Das Unternehmen soll stets persönlich bleiben.