Die Hoch-Anden? Leere Trümmerstätten des Pleistozäns. Doch der Schein trügt, um so mehr, wenn man sich in diese Gegend von einem Romancier versetzen läßt, der mit einem Blick für die Farbe im Grau begabt ist. Dann kann plötzlich in den entlegensten Tälern, an nackten Bergflanken und auf steinigen Pfaden erzählerischer Hochbetrieb ausbrechen.

Da ducken sich von Not gebeugte Indios in ihren Hütten. Draußen treiben mit Gedröhn riesige Maschinen eine Straße ins Unwegsame.

In aufgelassenen Bergwerksschächten stecken böse Geheimnisse.

Wie aus dem Nichts fallen rivalisierende Todesschwadronen in die Dörfer ein, um Blutgericht zu halten. Zwei Gendarmen auf ihrem verlorenen Posten träumen vom Meer und den Frauen, belauern ängstlich jedes nächtliche Geräusch: Es könnten die Schritte ihrer Mörder sein. Unterdessen herrscht der stets trunkene Wirt der Bauarbeiterkantine als orgiastischer Zeremonienmeister über Suff, Tanz und Sodomie.

Mit seiner Frau hält er Verbindung zu den Berggeistern, die mißgünstig über allem thronen und hin und wieder durch ein Opfer beschwichtigt werden wollen.

Bewegt, aber trostlos ist die Szenerie in Mario Vargas Llosas neuem Roman. Die facettenreiche Opulenz des "Magischen Realismus" Lateinamerikas ist hier auf einen steinigen Boden gestellt, kaum noch lebensfrohe Stimmungen gedeihen. Nach drei Jahren in der peruanischen Politik, von 1987 bis 1990; nach einem verlorenen Präsidentschaftswahlkampf gegen den geschwind zum Kandidaten hochmanipulierten Fujimori; nach der Ermordung von mehr als hundert seiner politischen Mitstreiter hat Vargas Llosa hier ein finsteres Panorama seines Landes ausgeführt. So läßt sich der im Original 1993 erschienene Roman auch lesen als fiktionales Gegenstück zu seinen im selben Jahr publizierten Erinnerungen "Der Fisch im Wasser" (deutsch 1995).

Tatsächlich ist der "Tod in den Anden", wie der deutsche Titel heißt, das zentrale Thema. Und obwohl Vargas Llosa von Willkür und Grausamkeit schon früher beklemmende Schilderungen geliefert hat, ist dies vielleicht sein pessimistischstes Buch. Gewalt und Mord sind hier zwingendes Gesetz. Das lernt der Korporal Lituma (im Spanischen figuriert er als Titelheld "Lituma en los Andes") bei seinem Bemühen, das spurlose Verschwinden von drei Männern aus dem Barackendorf der Straßenarbeiter aufzuklären. Steckt der Leuchtende Pfad dahinter? Haben sich die drei von der Guerilla anwerben lassen? In einigen dazwischengeschalteten Geschichten vom Töten wird das Vorgehen dieser "Revolutionäre" beschrieben.