Wieder einmal stehen deutsche Bürger und Politiker in der Versuchung, mit einem europäischen Partner die Geduld zu verlieren, ihn gar zu verteufeln - einem Partner, der den Deutschen in der Vergangenheit oft zur Seite stand: mit dem eigenbrötlerischen, unbequemen Großbritannien.

Aber wir werden diesen Partner auch in Zukunft brauchen, und deshalb gilt es, der Versuchung zu widerstehen.

Die Briten machen es ihren Freunden wieder einmal nicht leicht.

Der eigentliche Skandal um den Rinderwahnsinn liegt weniger in einer Verschleierung der Risiken für den Menschen - noch ist nichts genau bewiesen -, sondern in der Tolpatschigkeit, mit der die Regierung Major erst eisern vorgab, die Seuche sei höchstwahrscheinlich harmlos, dann Hals über Kopf eröffnete, sie sei es höchstwahrscheinlich doch nicht. Die Panik hat Major sich selbst zuzuschreiben.

Das kann jedoch nicht heißen, die Briten müßten jetzt die Suppe allein auslöffeln. Solidarität mit Partnern in schweren Zeiten ist die Quintessenz der Europäischen Union. Da mag der deutsche Stammtisch sich erregen, soviel er will: Natürlich müssen die Brüsseler EU-Kassen, und mittelbar auch die deutschen Steuerzahler, die Kosten der Seuchenbekämpfung mittragen. Die Deutschen haben im umgekehrten Fall ihrer Schweinepest nichts anderes von ihren Partnern verlangt, und das zu Recht.

Hinter der deutschen Gereiztheit verbirgt sich allerdings mehr als nur Geiz. Es ist das Unbehagen über ein Großbritannien, das zwar aus den Brüsseler Töpfen schöpfen will, aber schon seit langem und gerade jetzt wieder der europäischen Integration Steine in den Weg legt. Am Freitag voriger Woche, beim Auftakt der Regierungskonferenz in Turin, mit der die Union neue Handlungsfähigkeit nach innen und außen gewinnen soll, war John Major von den Hilfszusagen seiner Partner so gerührt, daß er gestand: "Ich wünschte mir, die Euro-Skeptiker daheim könnten Zeuge sein, was europäische Solidarität in der Praxis bedeutet." Zugleich jedoch ließ er nicht den Hauch eines Zweifels daran, daß sein Land sich in allen wichtigen EU-Entscheidungen auch in Zukunft ein Veto ausbedingt, wenigstens solange seine Tories die Regierung stellen.

Diese Hartnäckigkeit ist gewiß auch die Folge der prekären Mehrheitsverhältnisse im britischen House of Commons - gerade zwei Stimmen mehr als die Opposition kann John Major noch aufbieten. Müßte er nicht bei jeder Abstimmung um das Überleben seiner Regierung bangen, er würde nicht so brutal den Spielverderber spielen.