Bordeaux Vielleicht steckt in Alain Juppé ein hervorragender Premierminister.

Wahrscheinlich gäbe er auch einen exzellenten Parteichef ab. Oder er wäre auch ein formidabler Bürgermeister. Und es ist keineswegs auszuschließen, daß er auch das Zeug zu einem fürsorglichen Vater hat. Doch alles zusammen ist ein bißchen viel. Da mag der Ämterhäufler noch so sehr als brillant und tüchtig gelobt werden.

1995 war für den Fünfzigjährigen das Jahr der Triumphe: Binnen weniger Monate wurde er nicht nur Regierungschef der Republik, sondern auch noch Bürgermeister von Bordeaux, Präsident des Agglomerationsrats der Stadt, Parteichef der französischen Gaullisten - und zum drittenmal Vater.

Der Unmut über die Art, wie die Stadt regiert - oder eben nicht regiert - wird, schlägt einem schon am Bahnhof von Bordeaux entgegen.

Die Kneipiers, Café- und Ladenbesitzer sind wütend darüber, daß ihr Stadtteil, Saint-Jean, zusehends verslumt. Vor wenigen Wochen gingen beim Restaurant "Jour et Nuit" die Rolläden herunter, vor wenigen Tagen beim "Soleil Levant". Der Besitzer der Pizzeria "Sorrento", seit achtzehn Jahren hier ansässig, klagt über den "immer mieseren Geschäftsgang"; der Wirt vom Café "Le Lambert" grollt: "Alle anderen französischen Städte haben es verstanden, die Erschließung mit TGV-Zügen zu einer Aufwertung ihrer Bahnhofsviertel zu nutzen. Hier in Bordeaux bleibt der Hauptbahnhof der Arsch der Stadt - eine unverzeihliche Planungspanne."

Die Bahnhofsgegend ist freilich nicht die einzige Sorge der Bürger von Bordeaux: Zu lange hing die betuliche Bourgeoisie den Erinnerungen an die verblichene Größe als Hafenstadt nach, zu wenig hat sich die alte Weinhandelsstadt an der Garonne bewegt. Während sich vergleichbare Städte herausputzten, herrschen in Bordeaux noch immer Mief und Patina. Bis heute besitzt die Agglomeration mit 700 000 Einwohnern weder Metro noch Straßenbahn. Die Arbeitslosigkeit liegt über dem Landesschnitt, das Wachstum darunter. Steuern und Verschuldung gehören zu den höchsten im Land.

Und es grassiert die Vetternwirtschaft. Während der letzten Jahre der fast fünfzigjährigen Herrschaft des einstigen Résistance-Helden Jacques Chaban-Delmas war das politische Leben der Stadt gelähmt.