Das Gehirn, das Hanna Damasio vor sich auf dem Bildschirm betrachtet, ist ein verwirrendes Labyrinth von verschlängeltem, zerfurchten Gewebe. "Ich kann einen ganzen Tag damit zubringen, so ein Gehirn zu betrachten", meint die Neurologin mit stiller Begeisterung.

"Es ist komplex - aber nicht unmöglich zu begreifen." Sie sollte es wissen. Seit über zwanzig Jahren beschäftigt Hanna sich mit der grauweißen Schwabbelmasse. Und zusammen mit ihrem Mann, Antonio Damasio, herrscht sie in der amerikanischen Universitätsklinik Iowa über die größte Sammlung lebender Gehirne auf der Welt.

Über zweitausend digitalisierte Denkorgane ihrer Patienten haben die Damasios in ihren Computern gespeichert. Jedes ist zusammengesetzt aus rund hundert Einzelbildern, aufgenommen in Scheiben von nur 1,6 Millimetern Abstand. Zusammengesetzt ergeben sie jeweils ein dreidimensionales, nahezu naturgetreues Abbild des Gehirns und ermöglichen den Damasios, wovon Ärzte und Hirnforscher jahrhundertelang geträumt haben: die Schaltzentrale in unserem Kopf am lebenden Menschen zu untersuchen, ohne ihm dabei auch nur ein Haar krümmen zu müssen.

"Ich kann dasselbe sehen wie bei einer Autopsie - und habe noch einige Vorteile", erklärt die Neuroanatomin. Mit Hilfe der Maus dreht Hanna Damasio das Hirn auf ihrem Monitor in verschiedene Richtungen, entfernt mit einem Klicken die äußerste Gewebeschicht und schneidet es in der Mitte durch, so daß man dessen Inneres erblickt. Dann setzt sie das Gehirn mit einem Tastendruck am Bildschirm wieder zusammen und wiederholt die "Autopsie" unter anderen Blickwinkeln.

Hanna und Antonio Damasio untersuchen nicht nur spezielle Hirnverletzungen.

Das portugiesische Ehepaar, vor über zwanzig Jahren in die Vereinigten Staaten eingewandert, versucht, das Funktionieren des Geistes zu enträtseln. Während die eher reservierte, selbstkritische Hanna dazu die Daten und gründlichen Analysen liefert, versucht ihr lebhafter, eloquenter Mann, diese zu einem umfassenden Theoriengebäude zusammenzufassen. Beide ergänzen sich ideal. Mit einem kleinen, aber kompetenten Team, in dem Neuropsychologen, Software-Experten und eine Neuroanthropologin zusammenarbeiten, hat das Hirnforscherpaar in Iowa seiner Disziplin mittlerweile eine einmalige empirische Basis verschafft.

Ihnen steht das gesamte Arsenal der modernen bildgebenden Verfahren zur Verfügung: Computer-, Magnetresonanz- und Positronen-Emissionstomographie.