Rotterdam Narco-Staat. Was so ein Wort anrichten kann. Es schreibt sich leicht hin, aber einmal in Umlauf gebracht und beständig rezitiert, wird schnell eine Ungeheuerlichkeit daraus. Narco-Staat. Das klingt nach Kolumbien, zielt aber auf die Niederlande. Das Wort steht in einem Bericht des französischen Senats. Und es steht nicht allein. Nächst der Tomate, tönt es aus demselben Pariser Senat, sei Cannabis das ertragreichste Exportprodukt, das holländischer Boden hervorbringe. Dazu passen die Attacken des Präsidenten Jacques Chirac: "Eine Schande" sei die niederländische Drogenpolitik, die geduldeten Hasch-Cafés sollten schleunigst geschlossen werden, ohne politische Umkehr in Den Haag werde Frankreich den Schengener Vertrag nicht in Kraft setzen, der die Grenzkontrollen abschaffen soll.

Narco-Staat. Derart undiplomatisch mögen sich die Herren Schäuble und Kanther, Lintner und Beckstein nicht ausdrücken. Aber das Wort durfte mitgedacht werden, als alle vier in der vergangenen Woche öffentlich die Niederlande attackierten. Bonn und Paris, das gibt eine hübsche Zange.

So einfach aber lassen sich Holländer ihre pragmatische Drogenpolitik nicht zerreden. Jetzt schlagen sie zurück: Jacques Chirac folge in der Drogenpolitik "einer Obsession", sagt Premierminister Wim Kok. Gesundheitsministerin Els Borst trägt im Parlament genüßlich die Resultate der französischen Politik vor: "Im Verhältnis zur Bevölkerung halb soviel Mittel für Suchtkranke wie in unserem Land, doppelt so viele Süchtige, doppelt so viele süchtige HIV-Infizierte, doppelt so viele Drogentote." Und diese Politik der Prohibition soll der Narco-Staat sich nun zu eigen machen?

Er wird es müssen, jedenfalls ein bißchen. Denn zumindest eine Einsicht hat der Austausch von Kraftsprüchen zwischen Paris und Den Haag befördert: daß innerhalb des grenzenlosen "Schengenlandes" nicht jeder in Frieden tun und lassen kann, was er will - wenn es den großen Partnern nicht gefällt. Keineswegs zufällig hat die Gesundheitsministerin die Pariser Politik just in jener Parlamentsdebatte attackiert, in der sie selber für eine Verschärfung der niederländischen Politik plädierte. Wohl weniger aus Einsicht, dafür mehr aus Rücksicht. In dieser Woche wird abgestimmt.

Weil das Wort vom Narco-Staat zeigt, wie hartnäckig der Mythos vom holländischen Drogenparadies fortlebt, empfiehlt sich ein kurzer Ausflug in die Wirklichkeit. Die nämlich lohnt den zweiten Blick. Der erste Eindruck weist einen Ort wie die Pauluskirche in Rotterdam als schreckliche Ausgeburt des Ultraliberalismus aus. Wer dort den Gottesdienst besuchen will, muß auf dem Weg zur Kirchenbank unweigerlich einen Pulk jämmerlich aussehender Süchtiger passieren. Hätte der Kirchenkeller einen Belüftungsschacht, müßten die Gläubigen inmitten von Heroinschwaden beten. Denn direkt unter dem Altar liegt die Drogenkatakombe. Dutzende von Süchtigen rauchen dort Heroin, wenn es rein genug ist, oder setzen sich sonst ihren Schuß. Rund um die Uhr.

Das alles ist illegal, geschieht aber unter Duldung von Pastor und Staat. Gedogen nennen die Holländer die Praxis des gezielten Wegschauens. Diese Toleranz folgt der Einsicht, daß der Staat scheitern muß, wenn er Drogenkonsum gänzlich unterbinden will, und die Verfolgung von Junkies schlimmer ist als ihre Duldung.

Seit zwanzig Jahren sind deshalb Süchtige und Kleindealer nur noch Klientel von Ärzten. Die Polizei konzentriert ihre Fahndung auf Großdealer.