"Die Krankheit spottet der Arzenei ... Das ist die Ursache, warum es mir allezeit leid gewesen ist, daß Du ein Papst geworden bist in dieser Zeit, der Du wohl würdig wärst, zu bessern Zeiten Papst zu sein ..."

Martin Luther an Leo X. (1520)

Rom

Kamen Sie aber jemals - jene besseren Zeiten dauerhafter Genesung, einer Auferstehung ohne Wiederkehr historischer Karfreitagsstimmung?

Immer, auch in der Epoche päpstlicher Weltmission mit Düsenjets und Fernsehwellen, gibt es Anlaß zu so barmherzig-unbarmherziger Zornesbotschaft, wie sie der Wittenberger Reformator damals nach Rom geschrieben hat. Nur ein Jahr später war Leo, der sinnenfrohe Medici-Papst, gestorben, durch Gift oder Malaria. Auch sein sittenstrenger Nachfolger überlebte die Papstwahl nur zwanzig Monate, bis man ihm nachrief: "Ach, wieviel kommt doch darauf an, in welche Zeit auch des trefflichsten Mannes Wirken fällt!" So steht es, lateinisch, bis heute in Rom auf dem Grabmal Hadrians VI., des letzten von sieben - allemal kurzlebigen - "teutschen" Päpsten, der zugleich der letzte nichtitalienische war.

Bis dann, 455 Jahre später, ein Papst aus Polen gewählt wurde und die katholische Weltkirche durch Stürme von Begeisterung und Erbitterung zu steuern begann. "Habt keine Angst!" rief Karol Wojtyla, zuletzt Kardinal und Erzbischof von Krakau, am Tag seines Amtsantritts 1978 auch sich selbst zu und erinnerte an jenen in Rom gekreuzigten Petrus: "Der wäre vielleicht lieber an den Ufern des Sees von Genezareth, bei seinem Boot mit den Fischernetzen, geblieben."

Ist nun Johannes Paul II., nach 69 Reisen in achtzehn ruhelosen Regierungsjahren inmitten von Kirchenkrise und Massenjubel, ins Netz seines missionarischen Übereifers geraten? Oder "trügen" - wie er sich selbst zu trösten versteht - die zunehmenden Zeichen körperlicher Schwächen und Gebrechen? Zum Schrecken seiner medizinischen Betreuer, die mit Prognosen wie Diagnosen geizen, gönnt sich der bald 76jährige auch nach den jüngsten Fiebersignalen kaum mehr Ruhestunden als bisher. Und auch diese, die er meist in religiöser Meditation verbringt, entspannen wenig. Denn es beherrscht ihn die unentwegte Sorge um Gott in der Welt.