Wie viele Handwerker des Pharaos passen auf ein altägyptisches Relief? Ein gutes Dutzend vielleicht, gewiß nicht viel mehr, denn sonst fehlt es einfach an Platz auf den ältesten Bildergeschichten der Welt. Auf dem Relief des Rechmire, einem Grab der 18. Dynastie, die Amenophis III. und Tutenchamun, Echnaton und Nofretete unsterblich machten, in den Jahren nach 1450 v. Chr.; auf diesem Relief also schüren und belüften kräftige Männer im Lendenschurz die Flamme, wuchten die Schmelztiegel und treten die Topfgebläse, beugen sich über Erz, Schlacke und Holzkohle, senken den Tiegel mit Rutenzangen ins Feuer und gießen endlich die Schmelze in die Gußform. Von rechts rollt der Nachschub, dazwischen durcheilen drei Gießmeister die Szene. Und am Rande wacht der Boß in Schreibertracht, Meister Rechmire persönlich. Wer will fleißige Handwerker sehen?

Seit über dreitausend Jahren ist dieser Ofen erloschen, die Schlacke erkaltet, der Tiegel zerschlagen. Eine Grabungsmannschaft des Hildesheimer Pelizaeus-Museums, geführt vom Ägyptologen Edgar B. Pusch, wirft nun neues, überraschendes Licht auf das antike Verfahren des Metallgusses. Die ruhigen Bilder vom Handwerkerfleiß in Rechmires Grab erzählen gewiß eine wahre Begebenheit - und täuschen doch sehr. Denn im Nildelta, in der Ramsesstadt Pi-Ramesse-geliebt-von Amun, der Residenz des großen Ramses II., glühten die Öfen im großen Stil. In Europa waren zu der Zeit allenfalls Hünengräber und Stonehenge zu bewundern.

"Unsere Ausgrabungen in Ramsesstadt haben die größte Anlage zur Metallverarbeitung freigelegt, die wir bislang aus der Antike kennen", begeistert sich Grabungsleiter Edgar Pusch. "Das hatte geradezu industrielle Dimensionen. Hier wurde im straff organisierten Großbetrieb geschuftet, in einer fast modernen assembly line.

Wir müssen unser Wissen von den kleinen, feinen Handwerksbetrieben jetzt durch die Vorstellung einer Metallbearbeitung von riesigen Mengen ergänzen."

Beim Stein haben sich die Ägyptologie und die staunende Nachwelt an gewaltige Ausmaße ja gewöhnt, all die Pyramiden, Palmensäulen und Obelisken vor Augen. Nun wird deutlich, daß die zentralistische Bürokratie unter den Ramessiden bei Holz, Ziegel, Metallen nicht bescheidener dachte. Das Hildesheimer Grabungsteam geht nach den Funden der vergangenen Jahre von einer Gießerei mit mindestens 30 000 Quadratmeter Fläche aus. Wie Kanäle dehnten sich die Feuerstellen und Schmelzbatterien auf 15 Meter Länge, eine Reihe neben der anderen. Nebenan auf diesem Gelände fanden sich die Reste von Kreuzöfen, in denen offenbar Großgußformen hergestellt wurden.

"In diesen Werkstätten konnte weit über eine Tonne Bronze pro Tag verarbeitet werden", berichtet Pusch. "Das hätte genügt, um Türen vom Volumen eines Domportals innerhalb eines einzigen Tages herzustellen." Eine vergleichbare Einrichtung in Sri Lanka war unlängst bekanntgeworden (siehe ZEIT Nr. 4/96), doch sind die dortigen windbelüfteten Kupferöfen rund 1500 Jahre jünger als die Gießerei des Pharaos.

In Ramsesstadt wurden die Gebläse mit den Füßen betrieben. Zwei Schmelzer treten die Membranen nieder und ziehen sie an Schnüren wieder empor. Damit der Luftstrom nicht abreißt, sind zwei Gebläse auf jede Tiegelstelle gerichtet - so zeigt es jedenfalls das Grabrelief.