Er galt als ein unbeugsamer Charakter, als ein Mann, den Erfolg oder Mißerfolg völlig unberührt ließ. Gesagt haben soll er einmal: "Es ist richtiger, mit einer guten Sache unterzugehen, als mit einer schlechten zu prosperieren." Die Rede ist von Ernst Ludwig von Gerlach, dem führenden Theoretiker des Konservatismus.

Wer war dieser Mann, zu dem Hans-Christof Kraus die jetzt vorliegende, längst fällige zweibändige Biographie geschrieben hat? Die Zeitgenossen lehnten ihn je nach Standpunkt ab oder verehrten ihn. Die einen hielten ihn für hoffnungslos vorgestrig und reaktionär, die anderen sahen in ihm einen glaubensfesten Christen, den man gerade deswegen bewunderte, weil er bei Konflikten zwischen Machtgebot und Rechtsprinzip kompromißlos die Lehren der christlichen Ethik anwandte.

Am Anfang von Gerlachs geistiger Entwicklung standen deutscher Idealismus, die Romantik, aber auch Schleiermacher und die von Clemens Brentano geprägte Christlich-deutsche Tischgesellschaft.

Wie so viele andere aus dem Kreis des jungen Berliner Adels ging Gerlach durch die pietistische Erweckungsbewegung, die ihn stark beeinflußt und sein späteres politisches Denken bestimmt hat.

Gerlach wurde gewissermaßen zum "Symbolträger" des politisch-konservativen Pietismus.

Zusammen mit dem Rechtsphilosophen Friedrich Julius Stahl, mit dem ihn gemeinsame Überzeugungen verbanden, sah er Preußen als einen im Kern "christlichen Staat" an, der seine Aufgabe nur dann erfüllen könne, wenn er sein Sein und Tun an der Norm des Evangeliums messe. Voraussetzung dafür sei jedoch, daß seine Obrigkeiten und die Gesetze sich an den Geboten Gottes orientierten. "Die Zehn Gebote", bemerkte Gerlach einmal im August 1851, "bilden das Mark und den Knochenbau unseres ganzen irdischen Rechts. Kein Staat kann bestehen, ohne die darin niedergelegten Grundrechte in seinen Gesetzen zur Geltung zu bringen ..."

Wie jeder wirklich Konservative war auch Gerlach skeptisch gegenüber allen Versuchen demokratischer Selbstbestimmung. Dem Menschen traute er nicht zu, daß er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen könne. Er würde, das war seine Überzeugung, scheitern, und zwar an seiner eigenen Unzulänglichkeit und an den eigenen Ansprüchen.