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Hinter Töpen steigt der Weg an, führt am Flurbereinigungsdenkmal vorbei und noch immer weiter nach Norden, dann geht es bald sanft abwärts. Blau schimmert der Regenrest auf der neuen Teerstrecke, denn der Himmel reißt auf, hier wenigstens, aber schon ziehen neue Wolkenschlieren heran, von Norden ein gewitterdunkles Tief, von Süden ein Hoch, daß es blendet. Schwer, hier nicht zum Wetterphilosophen zu werden. Wie vermodernde Folianten sind die Schneewächten am Feldrain aufgeschichtet, und bis vor kurzem war hier die Welt zu Ende.

Der Tannbach teilte von je das Dorf Mödlareuth, schlängelte sich zwischen Scheunen und zwei, drei Bauernhöfen hindurch, trödelte noch ein bißchen und wußte doch nicht recht, wohin. Dann ging genau hier der Eiserne Vorhang nieder, mitten durch Mödlareuth, drüben standen erst russische Soldaten, ein Zaun wurde gezogen, zur betonbefestigten Mauer verstärkt, mit Stacheldraht, Scheinwerfern und Wachttürmen ausgebaut. Hunde hechelten durch die Sicherheitszone, und wer sich doch heranwagte, wurde erschossen.

Unter NVA-Schutz nur durfte das Heu eingebracht werden, manchmal krümelte etwas davon im Tannbach. Für die amerikanische Einheit, die hier den Kalten Krieg verwaltete, war das oberfränkische Dorf Mödlareuth "Little Berlin". Gelegentlich hubschrauberten Staatsgäste an die sogenannte Landesgrenze, wurden eskortiert hergefahren, schauten kurz und schwer betroffen hinüber auf den rechtstannbachischen Ortsteil von Mödlareuth, auf den Wachtturm und die Sperranlagen, und schon waren sie wieder fort.

Es muß ziemlich idyllisch gewesen sein hier, vierzig Jahre lang.

Der Weg zurück in die Metropole Hof überquert inzwischen mehrfach die ehemalige Zonengrenze: Mödlareuth - Juchhöh - Hirschberg - Untertiefengrün - Waldlust - Schnarchenreuth - Gottsmannsgrün - Lamitz - Joditz - Siebenhitz - Stöckaten - Scharten - Brunnthal - Unterkotzau - Hof. Lauter Namen, wie sie nur in den Büchern von Jean Paul vorkommen, im "Quintus Fixlein", in "Dr. Katzenbergers Badereise" oder in den "Flegeljahren", lauter Namen aus Oberfranken, aus jenem bayerisch-vogtländischen Weltwinkel, den die Grenzen zur DDR und zur CSSR einschnürten.

Die Grenzen sind jetzt offen. Autos mit dreibuchstabigen Kennzeichen bringen die thüringischen Gastarbeiter, und das alte Bayern exportiert neben seinem Bier den üblichen Lagerhallenramsch und das Regalmaterial für Abholmärkte im ehemaligen Drüben. Der Polizeibericht in Hof und Bayreuth vermerkt es unerbittlich, wenn es wieder "ein Sachse" war, der einen heimischen Mofafahrer von seinem Gerät holte. Aber wenigstens im Radio wird zwischen Slowfox-Stücken aus den siebziger Jahren die Brüderschaft vollzogen: Nichts ginge doch besser zusammen als Thüringer Klöße und bayerisches Bier.

In Bayreuth ist der erste Frühlingstag und also Jean Pauls Geburtstag.

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"Falls Blüten auf seine Wiege zu streuen waren", so Jean Paul in seiner "Selberlebensbeschreibung", wären das "Scharbock- oder Löffelkraut und die Zitterpappel, desgleichen der Ackerehrenpreis oder Hühnerbißdarm" gewesen. Am ersten Frühlingstag in Bayreuth blühen diesmal nur Schlüsselblumen, Schneeglöckchen und Palmkätzchen.

Aber kein Wagner weit und breit, keine Begum, kein Genscher, und der grüne Hügel ist so kahl und grau wie das ganze Land. "Bayreuth hat den Fehler, daß zu viele Bayreuther darin wohnen", sagte Jean Paul einmal, weiß der Teufel, warum. Außerdem ist es ziemlich undankbar, wo die Bayreuther doch endlich sein Denkmal von jahrzehntealter Taubenscheiße gereinigt haben.

Am ersten Frühlingstag führen Fränkinnen im Hofgarten merkwürdig große Hunde um die sulzigen Schneereste, während die jungen Männer mit verkehrt herum aufgesetzten Mützen und durchhängendem Hosenboden auf Inline-Skates übers Katzenkopfgestein der Fußgängerzone brettern.

Auch im Rokokopark der Eremitage werden lauter große Hunde von großwüchsigen Fränkinnen ausgeführt. In der Eremitage errichtete sich die unglückliche Markgräfin Wilhelmine ein Lustschlößchen, und als ihr Lieblingshund einging, bekam er eine richtige Ruine gebaut als Grabmal. Gleich daneben ließ sich der durchgeknallte Pius von Bayern eine vollberindete Einsiedlerkapelle aufstellen.

Herr Geilenkirchen von der Markgrafenbuchhandlung fragt teilnahmsvoll, ob man sich wirklich quälen wolle mit der Lektüre Schambbauls.

Einundzwanzig Jahre, ebensolange wie der Schambbaul in Bayreuth lebte, habe er selber gebraucht, um ihn zu verstehen. Und weit verbreitet sei das Verständnis für ihn nicht gerade. Es ist Jean Pauls 233. Geburtstag, und sein Leben lang hat er ein gewaltiges Aufsehen davon gemacht, daß er mit dem Frühling in die Welt kam.

Eine Menschenseele wenigstens hat in Bayreuth dran gedacht und ihm einen Frühlingsstrauß mit Osterglocken und Tulpen aufs Grab gelegt. Die ganze Wagner-Bande umzingelt ihn, Eva Chamberlain, Hans Richter, Franz Liszt, diverse übereifrige Kammersänger und -innen.

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Ringsum sind mehrere Gruben ausgehoben und noch leer, andere Grabstätten frisch belegt, die Kranzschleifen liegen im Dreck. Ein kleines Mädchen in einem grellvioletten Anorak betet im aufschäumenden Regen. Fünf Monate hatte das Fichtelgebirge in diesem Winter Dauerfrost.

Die Hinterbliebenen decken fürsorglich ihre Gräber dicht mit Fichtenzweigen zu; es soll auch die Toten nicht frieren.

Von den sechs Geschwistern, die nach Johann Paul Friedrich Richter geboren werden, sterben fünf vor ihm, zwei werden kein einziges Jahr alt. "Ich bin gern in dir geboren, kleine, aber gute lichte Stadt!" hat er Wunsiedel später nachgesagt. In der St.-Veit-Kirche waltet ein Nachfolger seines Vaters und führt unter dem Echthaar-Christus eine massenhafte Erwachsenentaufe durch. Auf dem Vorplatz schaut eine dorfhonoratiorenhafte Jean-Paul-Büste vor sich hin. Ein Autohaus Richter gibt es, und kurze Zeit war Rudolf Heß hier begraben.

Nur zwei Jahre brachte der kleine Fritz (der sich sein späteres Pseudonym aus Verehrung für Rousseau zum halbfranzösischen Jean Paul verkürzt) in Wunsiedel zu, 1765 zieht die Familie in eine richtige Pfarrei weiter, in die Nähe von Hof. Mit dem Bus geht es über die Dörfer, und die heißen wieder wie bei Jean Paul: Kirchenlaibach, Neusorg, Bischofsgrün. Eine Frau nimmt unterwegs von einer anderen Wäsche entgegen, moniert, daß beim letzten Mal eine Strumpfhose verlorenging, und schon fährt der Bus weiter. Durch Schwarzenbach an der Saale, wo ebenfalls eine Pfarre zu besetzen war und wo Jean Pauls Vater starb. Dann kommt Hof.

Die Höfer wollen sowenig mit ihm zu tun haben wie vor zweihundert Jahren: Der Brunnen zu seinen Ehren ist sicherheitshalber noch zugenagelt, das Straßenschild "Jean-Paul-Gäßchen" ist abmontiert, wenn es sich nicht gleich verloren hat. Sie können aber auch gar nichts anfangen mit ihm. Der evangelische Pfarrer von St. Michaelis schwärmt von der Volksfrömmigkeit in Bayern und weist den falschen Weg zu jener Stelle am Schloßplatz 12 b, wo, wie die Tafel sagt, das Haus stand, "in dem Jean Paul von 1786-1797 zeitweise

wohnte". Gewohnt hat er hier nicht, aber geschrieben und gehungert und weitergeschrieben. Bei der Mutter hockte er an der Ofenbank, schrieb Bogen um Bogen voll, versprach ihr den Erfolg, während sie spann und nähte und strickte und wusch und die Geschwister ruhig zu halten versuchte.

Ein Bruder hatte sich schon vor Hunger und Verzweiflung in die Saale gestürzt, die Aussichten für die anderen wurden nicht besser davon. Als ein gescheiterter Student galt Schambbaul den Höfern, bei Nacht und Nebel vor lauter Schulden aus Leipzig abgehauen, die rechte Hand in der Kutsche erfroren, geschieht ihm recht, dem eingebildeten Herrn. Verachtete die geregelte Arbeit, wollte nicht Pfarrer werden wie sein Vater, gotthabihnselig, Stunden gab er auch nur widerwillig, kein Geld und nichts zu fressen, aber er mußte ja schreiben! Sie wußten nichts anzufangen mit ihm in Hof. Er zeigte es ihnen und wurde berühmt und kam nach seiner Mutter Tod nicht wieder.

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In der Lorenzkirche orgelt ein Schüler anfangsgründig, von seiner Lehrerin milde angeleitet, draußen an der Kirchenmauer wenigstens eine kleine Sentimentalität, eine eiserne Gedenkplatte: "Der Gedanke an eine kleine grüne Stelle neben der Lorenzkirche wird der einzige bittere Tropfe sein der in die Blütenkelche meines Frühlings rinnt." Der Friedhof, auf dem Sophia Rosina Richter zu liegen kam, wurde im vorigen Jahrhundert schon eingeebnet, eine jämmerliche Stele ausgenommen, auf der der Herrschaften gedacht wird, die auf irgendeinem Feld der Ehre verblieben.

Seinem Freund Friedrich von Oertel schreibt er, "daß ich hier die ersten 10 Jahre ganz allein und verachtet lebte, daß kein Mädgen mich ansah, daß ich überall Hass fand, daß ich in Hof samt meiner Mutter nichts zu essen, immer zu fürchten hatte ..."

Das sind so die Blütenkelche seiner Jugend.

Karl Philipp Moritz errettete ihn daraus, entdeckte das verwandte, seelengelähmte, von der Wiege an unterdrückte Genie und schickte Geld, das Jean Paul alsogleich seiner Mutter in den Schoß legte.

Als sie tot war, fand ihr Sohn die Buchführung: "Was ich ersponnen".

Die Laufbahn des Wandelsterns vollendete sich vierzig Jahre später, als Jean Paul wenigstens näherungsweise in die Heimat zurückkehrte.

In Bayreuth setzte er sich zur Ruhe, begann systematisch zu trinken, fing am frühen Vormittag an mit Wein, streckte den Nachmittag mit Bier und hielt sich mit Arrak bei Kräften. Das Equilibrium aus Schreiben und Trinken und Schreiben war leicht zu stören: Wenn ein Besucher etwas Unrechtes sagte, ihn tadelte für die Freiheit, die er seinen Kindern verstattete, oder an seinen Büchern etwas auszusetzen fand, brachte das den Dichter aus dem Konzept, und er konnte sich in ein paar wenigen Minuten um den Verstand trinken.

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Vielleicht war er auch nur traurig, weil er endlich alles hatte, eine liebevolle Ehefrau, Kinder, die ihn achteten, Ruhm, der sich bis nach Rußland und England verbreitete, und genug Erfolg, um der erste ziemlich freie Schriftsteller Deutschlands zu sein.

Vielleicht war er auch nur traurig, weil dieser Ruhm ihn so jäh angefallen hatte, als ihn die weiblichen Fans alle heiraten oder wenigstens eine Locke vom Dichterhaupt haben wollten. Zuletzt mußte er seinen armen Hund scheren, um die Nachfrage zu befriedigen.

In Weimar ("Hier sind alle Mädgen schön") belagerten ihn unglückliche Frauen sonder Zahl, verwitwet oder fast geschieden, Titaniden wie Henriette von Schlabrendorff, die sich schon am vorgerückten Nachmittag an ihm schmiegelte: "Unser Weg", berichtet Jean Paul in klammer Orthographie seinem Freund Otto nach Bayreuth, "gieng bergunter, d.h. schnel, wir legten in Sekunden Wochen zurük. So schnalte sie das collier ab und machte ungebeten die tiefern schönen Spizen auf. Ihr globulus hatte die Farbe und - Weichheit der Wolkenflocken ..."

Der Bestsellerruhm verrauchte, der napoleonische Krieg kam auch über das an Preußen abgeschenkte Duodezfürstentum Bayreuth, die nächste Generation, deren Idol er eben noch war, schmähte ihn als Vaterlandsverräter, weil er nicht wie sie deutschnational wurde. Sein eigner Sohn begeisterte sich für den ebenfalls aus Wunsiedel gebürtigen burschenschaftsbewegten Studenten Carl Ludwig Sand, der den russischen Staatsrat Kotzebue erstochen hatte, leider nicht seiner schrecklichen Stücke wegen, sondern weil er ihn für einen Spion hielt. Der arme Max renommierte mit einer blutgetränkten Locke vom Haupte des enthaupteten Sand, begann auch noch zu frömmeln, das Nervenfieber packte ihn. Dann war's vorbei, der Sohn zuerst, der Vater folgte.

Blieb das Bier, und blieb das Schreiben. Jeden Morgen schnürte Jean Paul einen Ranzen, verließ Frau und Töchter und zog, vom Hund begleitet, vor die Stadt, in eine Wirtschaft, die nach der Chefin "Rollwenzelei" hieß. Hier hegte er Fliegen für einen wetterweissagenden Frosch (und ließ sie dann doch leben), hier schrieb er seine letzten Werke, den "Komet" und das Traumbuch seiner endlos verlängerten Kinderzeit, "Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele".

Der Weg zur "Rollwenzelei" führt am Jean-Paul-Museum in der Richard-Wagner-Straße vorbei. Erst beim Klingeln öffnet eine städtische Dame und sitzt geduldig bei einem Romanheftchen, bis die Vitrinen ausbesichtigt sind. Draußen arbeitet der Preßlufthammer, hier drinnen waltet das Glück: Jean Pauls Brille, die den grauen Star nicht mehr verhinderte; eine echte (?) Locke, eine kleine Biskuitporzellanbüste. Die Arbeiter streichen die Fensterläden, das Holzschutzmittel ätzt herein, aber dieser Brief an die Schwägerin: "Den größten Gefallen könnten Sie mir jetzo thun, wenn Sie mich für einen Hamster hielten und mir Kartoffeln gäben." Die städtische Dame hat inzwischen bedeutende Fortschritte bei ihrer Romanlektüre gemacht, und der Preßlufthammer hat sich auch wieder gefangen.

Durch eine Niemandsbucht aus Tankstellen, Garten- und Porsche-Centern führt der Weg zur "Rollwenzelei", unter der Autobahn durch und über die Bundesstraßenfurt, die Eisenbahntrasse noch und dazu das panische Grundrauschen, ein beständiges Dröhnen und Beben von zonenrandgeförderten, tiefer gelegten und dafür hochgezüchteten Autos. Frau Mädl, die das vor 170 Jahren bestimmt sehr ruhige Zimmer zeigt, ist zu ihrem Glück schon schwerhörig. Sie muß erst den bissigen Hund wegsperren und nach ihrem schwerkranken Mann sehen. Die Aussicht sei sonst sehr schön, sagt sie, das da drüben sei der Fichtelberg, seine Heimat. "Da hat er immer hingeschaut."

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Unter Glas sind zwei Tagebuchseiten aufgeschlagen, auf dem Tisch die zehn Bände der Werkausgabe von 1975, eine Büste, ein Bild der hübschen Tochter Emma, sonst fast nichts mehr. Biedermeierblau waren die Wände seinerzeit, aber dem Denkmalamt war die Farbe fremd, sie mußte weg. Auf dem Tisch die Gästebücher seit dem 19.

Jahrhundert, die Eintragungen von Anton Bruckner bis Alfred Kerr, und vor ein paar Tagen erst, wirklich wahr, ist eine Selina hier gewesen.

Jean Paul hat das vogtländische, bald preußische, bald bayerische Dreieck Wunsiedel-Hof-Bayreuth kaum verlassen. Im Großherzogtum Weimar holte er sich beizeiten die windfall profits seines Ruhms (die erwähnten wolkengleichen "globuli"), in Berlin seine Frau Karoline, in Heidelberg, immerhin von Hegel angeregt, ein Ehrendoktorat, in München wurde er spät Akademiemitglied. Italien, den Lago Maggiore, den er im "Titan" so schwelgerisch geschildert, hat er nie gesehen.

Auch sonst nichts. Rom nicht und auch nicht Paris. Mußte gar nicht sein: Die Anarchisten und Freikörperkulturisten von Erich Mühsam bis Otto Gross lockte seine schwelgerische Schilderung auf die Borromäischen Inseln und zum Monte Verita.

Das Glück war zu Hause, auch wenn es die reine Armut war, ganz genau zwölf Kilometer nordöstlich von Hof, in Joditz, wo der Vater endlich eine Pfarrstelle bekam. Zehn Jahre lebte Jean Paul als Fritzchen hier, unerkannt vor der Welt, und es war das Paradies.

Im "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal" hat er es mit grimmiger Ironie als "eine Art Idylle" geschildert, und die Joditzer sind frech genug, sich neuerdings Joditz-Auenthal zu nennen. Der kleine Fritz wuchs auf in bitterster Armut und in der Furcht des Herrn. Zwei Stunden wartete er allabends "im Schweiße der Gespensterfurcht" auf den Vater, mit dem er zusammen in einem Bett schlafen mußte, und wenn der Herr und Pfarrer beerdigte, mußte sein Sohn die Bibel durch die Kirche tragen: "Wer von uns schildert sich die bebenden grausenden Fluchtsprünge vor der nachstürzenden Geisterwelt auf dem Nacken und das grausige Herausschießen aus dem Kirchentore?"

Und wirklich ist es nachtfinster in der Kirche, wenn die Tür zugefallen ist, stockdunkel wie im Blinddarm von Jonas' Wal, und heller wird's erst im Kirchenraum. Die Joditzer ist eine winzige, also selten schöne Dorfkirche, fast unbeschadet vom protestantischen Abstraktismus, mit einem richtigen Altar statt der üblichen Bütt, und über der Kanzel triumphiert ein auferstandener Christus.

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So kurz vor Ostern hat die Gemahlin von Kantor Richters Nachfolger viel zu tun. Sie nimmt sich aber Zeit, um über die moderne Welt zu klagen. Schwierig sei es hier für den gegenwärtigen Pfarrherrn, die Leute, vor allem jene aus der ehemaligen DDR, seien "innerlich verwahrlost", die Jugendlichen hätten "keinerlei Maßstäbe" mehr und würden "nur zum Ausprobieren" miteinander ins Bett gehen.

Sechs gesunde Kinder habe sie zur Welt gebracht, und alle wollten sie mit Gott gehen. Das sei ja das schöne an den Pfarrhäusern, sie seien so geräumig, man rede und predige in einem fort.

Der kleine Jean Paul, der mit Eltern, Geschwistern, reichlich Gesinde und noch mehr Vieh vor zweihundertdreißig Jahren im selben geräumigen Hause lebte, versuchte vergeblich, ein bißchen wenigstens, zu verwahrlosen. Durchs Fenster hinaus liebelte er mit zwölf Jahren schon "ein blauaugiges Bauernmädchen von schlanker Gestalt, eirundem Gesicht mit einigen Blatternarben" an. Obwohl er sie mit Zuckerzeug, das er ihr aus Hof mitbrachte und durchs Torgitter entgegenstreckte, zu betören suchte, vermochte er die kleine Augustina nicht zu erobern. Ersatzweise (oh, wenn das die Pfarrerin wüßte!) "flog er einem gewöhnlichen Dienstmädchen seiner Eltern, das er nicht einmal liebte, verschämt und heftig an den Mund". Mit zwölf!

In Joditz ist gut sein. Einen Jean-Paul-Felsen gibt es hier, die Garten- und Heimatfreunde Joditz und Umgebung laden zum Vortrag "Sachgerechtes Schneiden von Bäumen und Sträuchern", und sonst hört die Welt am Ortsrand auf. An der Straße nach Isaar und Töpen hat sich eine Frau tatsächlich ein kleines Eidyllon eingerichtet mit Ziehbrunnen, Gartenzwergen und wieder diesen furchtbar großen Hunden. Die Saale tritt vor lauter Frühling über ihre Ufer, überschwemmt mit grünbraunem Schmelzwasser die eben vom Schnee befreiten Wiesen.

Dazu staffeln sich zahllose Fischteiche wie "Taschenspiegel der Sonne" (ja, auch Schambbaul) die Hügel hinauf. Eine Rokokolandschaft, wenn die Sonne durchbricht. Wie eigens ausgesetzt, schnäbeln in einer Pfütze zwei Schwäne. Es ist das Paradies. Es weiß bloß keiner.

Literatur: Hanns-Josef Ortheil: Jean Paul; Rowohlt-Monographie; 158 S., 9,80 DM; Rolf Vollmann: Das Tolle neben dem Schönen - Jean Paul; Eichborn Verlag, Frankfurt; 264 S., 36,- DM; Werkausgabe Jean Paul in zehn Bänden; 2001; 10 512 S., 199,- DM.