GELSENKIRCHEN. - Das Buch ist eine wahre Fleißarbeit: 544 Seiten stark, mit vielen historischen Photos und Faksimiles. Drei Jahre hat der Literaturwissenschaftler Herbert Knorr an dieser Geschichte der Gelsenkirchener Literatur gearbeitet. Jetzt hat er das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt ("Zwischen Poesie und Leben", Klartext-Verlag, Essen). "Es dürfte ein Standardwerk werden", prophezeite die WAZ der Neuerscheinung. Das Buch ist auch schon zum Stadtgespräch geworden - doch nicht zu Knorrs Freude. Drei Seiten, die er dem Buchbindermeister Heinz Klein gewidmet hat, erregen die Gemüter.

Bei seinen Recherchen war Knorr auf zwei Zeitungsartikel aus der Nazizeit über den Buchbinder gestoßen. So berichtete die Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung im Januar 1938 von einem Werkstattbesuch: "Und zwischendurch schiebt uns Heinz Klein einen Einband aus echtem Niggerleder vor die Augen. Nun wissen wir, daß hier mit allerkostbarstem Material gearbeitet wird."

Niggerleder? Herbert Knorr war entsetzt. Der Begriff ließ für ihn nur die Deutung zu, daß es sich um Haut von "Negern" handeln müsse, zumal er in der Buerschen Zeitung vom August 1939 über Kleins Kunst lesen konnte: "Die Einbanddecken sind Steinbutthäute, die Buchrücken - Menschenhaut. Menschenhaut als Einbandmaterial - so hat auch hier der Künstler wie bei schon so zahlreichen seiner Einbandkunstwerke einen ,Rohstoff` gefunden, der in einer symbolhaft unmittelbaren Beziehung zu dem Buch steht, das der Einband umschließt."

"Woher bezog er sein ,Material`?" fragt Knorr in seinem Buch und suggeriert damit die Frage: aus KZs? In einen solchen Verdacht wollte Kleins Sohn Dietmar, ebenfalls Buchbinder von Beruf, seinen Vater auf keinen Fall kommen lassen. Er kündigte eine Klage an, um zu verhindern, daß das Buch mit den "unhaltbaren Vorwürfen" weiter vertrieben wird. Mit "Niggerleder", erklärt Dietmar Klein, sei "Nigerleder" gemeint, ein hochwertiges Ziegenleder aus Nigeria.

Rosita Nenno vom Deutschen Ledermuseum in Offenbach bestätigt das. Selbst in einschlägigen Handbüchern habe bis vor einiger Zeit oft "Niggerleder" gestanden, wenn "Nigerleder" gemeint gewesen sei. Das schließe aber nicht aus, daß Bücher nicht auch mit Menschenhaut eingebunden worden seien, ergänzt ihr Kollege Werner Schmitzer, der zu dem Thema unlängst einen Aufsatz verfaßte.

"Menschenhaut zu gerben war keine Zeiterscheinung der dreißiger Jahre", erklärt der Lederrestaurator und gelernte Buchbinder Schmitzer, "sondern läßt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen." Vor allem die Haut von "Räubern, Mördern und anderen kriminellen Personen" sei dabei verwendet worden. Schon damals jedoch fürchteten die Gerber vielerorts um "ihre Ehre und ihren guten Namen". So weigerten sich etwa 1631 die Leipziger Gerber, weiterhin Menschenhaut zu verarbeiten, wurden jedoch von den "kurfürstlich-sächsischen Schöppen" dazu verdonnert, "bei Vermeidung des Gebrauchs obrigkeitlicher Zwangsmittel nach erbrachter Anatomia" die Menschenhäute zu gerben.

Bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, erklärt Schmitzer, sei es gang und gäbe gewesen, die eigene Haut schon zu Lebzeiten an Gerber zu verkaufen. Redewendungen wie "seine Haut zu Markte tragen" oder "seine Haut so teuer wie möglich verkaufen" hätten darin ihren Ursprung.