Der Traum war geplatzt, die Wiedergründung der deutschen Wolgarepublik am Widerstand der dort heute lebenden russischen Bevölkerung 1992 endgültig gescheitert. 200 Millionen Mark hat das Bundesinnenministerium bereits in Containerdörfer und Wirtschaftsbetriebe an der Wolga investiert, hat Schulbücher und Medikamente geschickt. Vergebens.

Ohne Wolgarepublik gab es für viele Rußlanddeutsche keine Alternative zur Ausreise nach Deutschland mehr. Die ukrainische Regierung bot die Ansiedlung von Deutschen aus Mittelasien und Kasachstan an, die Bundesregierung antwortete mit einem weiteren Millionenprogramm.

Ebenfalls vergebens. Den meisten Deutschen wurde die ukrainische Staatsbürgerschaft verweigert. So kamen nur 2000 Übersiedler.

Jetzt bot Präsident Jelzin einen Ersatz für die gescheiterte Wolgavariante, er ließ 1991 und 1992 zwei Deutsche Nationale Landkreise gründen.

In der westsibirischen Kulunda-Steppe, südlich von Nowosibirsk und fast 4000 Kilometer von der russischen Hauptstadt Moskau entfernt, siedelten bereits Anfang des Jahrhunderts die ersten deutschen Bauern. Vom Krieg und den Massendeportationen blieben die Dörfer, in denen über sechzig Prozent der Einwohner Deutsche waren, meist verschont. Die sechzehn Dörfer um Halbstadt, einen der beiden Deutschen Nationalen Landkreise, bekamen inzwischen ihre politische und administrative Eigenständigkeit zugesprochen. Zu spät. Die Ausreisewelle hatte auch die 20 000 Einwohner des Landkreises Halbstadt erfaßt.

Um die letzten zu halten und andere anzulocken, lenkte der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Horst Waffenschmidt, seine Millionenhilfe größtenteils von der Wolga nach Westsibirien um, zur neuen "Insel der Hoffnung". In Windeseile wurden Betonmischer aufgestellt und Fertighäuser errichtet, wurde eine Käserei gebaut und ein achtteiliger Lkw-Zug zur Fleisch- und Wurstherstellung in die sibirische Steppe geschickt. Die mobile High-Tech-Metzgerei blieb im Schnee stecken und produziert nun in einer eigens errichteten Halle. Bald spürten die Halbstädter, daß die Wände der Häuser für Sibirien viel zu dünn waren.

Verantwortlich für Pannen und Pleiten war der Verein für das Deutschtum im Ausland, der dem Bundesrechnungshof unangenehm auffiel und gegen den nun die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Veruntreuung ermittelt.