Aussiedler, von den einen hofiert, von den anderen gebrandmarkt.

Wie erleben sie ihr Deutschland, was empfinden sie noch für Rußland?

DIE ZEIT besuchte die Familie Graf in ihrem neuen Zuhause im niedersächsischen Gifhorn und begleitete den Großvater ins sibirische Barnaul

Zwischen der sibirischen Steppe und dem Gifhorner Mühlenpark liegen nur wenige Zentimeter. In Öl hängen beide Welten im Wohnzimmer dicht nebeneinander. Seit seiner Kindheit malt der Siebzigjährige Landschaften, die ihm ans Herz gewachsen sind. Die beiden Wände über der beigefarbenen Polstergarnitur sind zur Galerie seiner Erinnerungen geworden. Signiert sind die farbgewaltigen Gemälde in einer ungelenken Schülerschrift, Buchstabe für Buchstabe hat er brav aneinandergepinselt: Johannes Graf.

Ganz wenige Bilder nur, blasser und mit feinem Pinselstrich komponiert, tragen einen fremdartig wirkenden Namenszug. Schwungvoll in die rechte untere Ecke geschüttelt, steht dort in kyrillischen Zeichen: Graf. Werke aus seinem früheren Leben. Birkenwälder, Kirchen, Flußläufe, Blockhäuser, verschneite Wiesen. Zahllose Motive aus Rußland, wo der Mann mit dem rotblonden Fassonschnitt und den kräftigen Händen 67 Jahre seines Lebens verbrachte. Erst im Sommer vor drei Jahren kam er mit seiner Frau Maria nach Gifhorn am Südrand der Lüneburger Heide. "Ich habe immer gemalt", das hat sich auch in Gifhorn nicht geändert. Leere Leinwände stehen bereit, die sibirische Weite aufzunehmen. Dabei muß sich Graf nicht nur auf seine Hände, sondern mehr und mehr auf sein Gedächtnis verlassen.

Denn seit er in Niedersachsen zu Hause ist, hat er seine frühere Heimat nicht mehr wiedergesehen. Er will noch einmal zurückfahren, Verwandte besuchen und Freunde. Von welchem Deutschland wird er ihnen dann erzählen?

Langsam, Stufe für Stufe, schreitet Johannes Graf die Flughafen-Gangway hinunter in die sibirische Märznacht. Bedächtig setzt er den Fuß auf den Boden des Landes, das ihm viele Jahrzehnte Heimat war.