Schönheit der Verzweiflung, trostlose Wirklichkeit, Sinngehalt der Dinge, das gewaltige Ganze der Natur." Das klingt wie Kirchenglocken, das riecht nach 19. Jahrhundert, nach leerer Festlichkeit und hausväterlichem Bürgersinn und ist doch Wort für Wort von Péter Nádas, Ungar, Eremit, Dorfbewohner, österreichischer Staatspreisträger, 54 Jahre alt und einer der bedeutendsten Romanciers unserer Zeit.

Sein "Buch der Erinnerung", 1986 in Ungarn, 1991 in Deutschland erschienen, ist, was das Lexikon einmal einen Epochenroman nennen wird: ein Opus in Umfang und Anspruch den "Jahrestagen" des Uwe Johnson oder der "Blechtrommel" des Günter Grass vergleichbar, eine literarische Gegenwartskunde, die sich in Stil und Gestus einem zergrübelten Realismus überläßt, ein moderner Gesellschaftsroman, der in formvollendeter Mimikry an die Unübersichtlichkeit der Zeitläufte nur gelegentlich Zäsu ren oder Punkte setzt und dennoch kleine Lebens- und große Weltgeschichte gewissenhaft miteinander verrechnet.

Nach einer preziösen philosophischen Untersuchung über "Die himmlische und die irdische Liebe" ist nun ein "Jahrbuch" erschienen: "Der Lebensläufer" - Arbeitskladde, Zeitkommentar, Romanentwurf in einem, ein Buch aus der Loseblattsammlung des Schriftstellers.

Alle Motive aus dem "Buch der Erinnerung" kehren in diesem 1989 in Ungarn veröffentlichten Werk wieder, doch nicht gezähmt und eingepaßt in die Architektur eines Jahrhundertwerks, sondern wildwachsend, maßlos und ein wenig von jenem verknitterten Pathos, das die Welt in der Phrase zusammenhält.

Péter Nádas hat eine wunderbare Frage, und er stellt sie in diesem Tagebuch unentwegt neu. Er stellt sie, wenn er in Gombosszeg, dem 44-Seelen-Dorf, in dem er lebt, die Himmelsdecke seines Heubodens mit Matsch verputzt, er stellt sie, wenn er Marcello Mastroianni im Flugzeug nach Rom beobachtet oder in Berlin-Dahlem einen geliehenen Köter spazieren führt. Es ist die Frage, worum es eigentlich gehen soll - eine urliterarische Frage. Leider weiß Nádas eine Antwort.

Péter Nádas, das begreift man bei der Lektüre dieses Arbeitsjournals, gehört zu jenen osteuropäischen Autoren, denen die schöne Idee alles, die Wirklichkeit dagegen ein Nichts ist - "nichts als eine verlorene Botschaft" heißt es im "Lebensläufer". Verloren ging die schöne Idee irgendwo, irgendwann auf dem Weg in die modernen Zeiten. Der Blick zurück, das Erinnern und das Schreiben sind seither immer auch ein wenig Restauration, Reparaturarbeit an der lädierten Schönheit der Schöpfung, des Lebens und der Liebe.