Ein Mann sieht schwarz. Sieht Braun. Dreht durch. Er läßt seine Frau die Tür verrammeln und springt in den Schrank, wenn der Postmann zweimal ("immer zweimal") klingelt. Er sagt, es gehe "schon wieder los", weil die Nazis über Nacht die Macht ergriffen haben, 1996 in Wien. Schon sei Frau Grünspan im ersten Stock von zwei SS-Männern aus der Wohnung geprügelt worden, und in der Elfenbeingasse treibe man die Glaubensgenossen zusammen, dort warteten sie auf die Deportation.

Aber es gibt keine Frau Grünspan, erwidert seine Frau; auch keine Elfenbeingasse - und welche "FF-Männer"? Im übrigen, selbst wenn: "Warum bist du nicht eingeschritten?" Der Mann: "Sie waren 1,90 groß, blond, muskulös", und in den Knopflöchern hätten sie Hakenkreuze getragen. Die Frau: "Was ist das?" Er antwortet: "Krumme Sterne."

Eine andere Geschichte. Oder doch die gleiche. Ein älterer Herr mit Gamsbart am Hut und Trachtenjacke betritt ein Wiener Lokal mit dem leicht hintersinnigen Namen "Hermanns Herberge". Statt des angeboteten Aperitifs bestellt er ein Glas Wasser. Der Ober: "Wasser?" - Der Gast: "Vom Hahn." Außerdem möchte er zwei Scheiben Toast ohne Butter in einer Seidenserviette, eine bestimmte Sorte indischen Tee in einer vorgewärmten Kanne et cetera. Der Ober: "Wir haben nur Beuteltee." So nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Wer freilich glaubt, im Wiener Akademietheater in einer eher boulevardesken Restaurantkomödie gelandet zu sein, nicht bei George Tabori, sondern bei Gabriel Barylli ("Das Butterbrot"), den irritiert höchstens dies: Der ältere Herr mit den diätarischen Wünschen trägt außer der Landestracht unter der Nase noch ein Hitlerbärtchen. Es geht schon wieder los?

Der ältere Herr ist Jude. Inspektor Morgenstern vom Kronawitter Guide, ein Gastronomiekritiker. Bald nimmt er das Bärtchen ab, seine berufsmäßige Tarnung: "Ich war vor einem Jahr hier in einem karottenfarbigen Zweireiher und assyrischem Vollbart." Damals einer Forelle Müllerin wegen, einem Fossil der Hausmannskost; jetzt nämlich regiert selbst in Wien die Nouvelle Cuisine "mit Spanferkeln, die aussehen wie Shrimps".

Auch Alfons Morgenstern macht im Zug der Zeit eine Verwandlung durch, er lüftet gegenüber Herrn Hermann seine Identität. Das Versteckspiel lohnt nicht mehr, denn dieser Abend ist sein letzter Abend im Dienst. Er geht in Rente, "mit chronischen Verdauungsstörungen.

Flatulenzen. Apoplektischem Trauma." Noch einmal aber schwärmt er vom Inbegriff der Wiener Küche, dem legendären Stück Kalb, dessen panierte Größe jeden Teller überziehen muß, bis über den Rand - gleich jenem mächtigen Reich des Kaisers Franz Joseph, das den Alten Kontinent einst bedeckte. "Von Triest bis Lemberg.