DIE ZEIT: Herr Öcalan, die Gewaltandrohungen der PKK und die Ausschreitungen kurdischer Demonstranten im vorigen Monat empören die Deutschen. Das Image der PKK ist entsprechend schlecht. Glauben Sie, daß dies der kurdischen Sache dienlich ist?

Abdullah Öcalan: Ich weiß natürlich, daß unser Image in Deutschland alles andere als gut ist. Die Ausschreitungen bei den jüngsten Demonstrationen tun mir leid. Ich möchte mich dafür entschuldigen.

Andererseits haben nicht wir mit der Gewalt angefangen, sondern diejenigen, die die Ausrottung des kurdischen Volkes betreiben.

ZEIT: Auch deutsche Politiker?

Öcalan: Die deutsche Regierung ist eindeutig ein Helfershelfer des türkischen Staates. Besonders Innenminister Kanther und Außenminister Kinkel überbieten sich gegenseitig darin, der Türkei zu Diensten zu sein und die Kurden zu verleumden. In Kurdistan kämpft die türkische Armee mit deutschen Waffen gegen das kurdische Volk.

Diese Waffenlieferungen sind für uns eine Tragödie. Und gleichzeitig bedroht man diejenigen Kurden in Deutschland, die ihre Identität nicht verleugnen, mit Abschiebung.

ZEIT: Trotz des PKK-Verbotes unterhalten Sie aber Kontakte zu deutschen Behörden.

Öcalan: Ich habe Herrn Grünewald vom Bundesnachrichtendienst empfangen und Heinrich Lummer. Wir haben gute Gespräche geführt und uns darauf geeinigt, daß es keine Gesetzesverstöße der Kurden mehr geben wird und als Gegenleistung keine polizeilichen Übergriffe.

ZEIT: Warum dann die kurdische Gewalt?

Öcalan: Das Verbot der PKK unterstreicht, daß die Regierung in Bonn sich auf die Seite Ankaras geschlagen hat. Die ganzen Probleme begannen doch überhaupt erst nach dem Verbot der PKK. Wenn heute ein Kurde bei einer Demonstration ein Bild zeigt von Abdullah Öcalan, dann muß die Polizei einschreiten. Die Eskalation ergibt sich dann fast zwangsläufig. Vor dem PKK-Verbot gab es keine Gewalt bei Demonstrationen. Zu glauben, man könne den kurdischen Körper von seinem Kopf, der PKK, trennen, ist ein Irrtum.

ZEIT: Haben Sie die Proteste organisiert?

Öcalan: Das ist doch lächerlich! Ich soll das per Telephon gesteuert haben! Keine Spur. Wenn dem so wäre, würde ich es öffentlich sagen.

Was nicht heißt, daß wir nicht die Möglichkeit hätten, Deutschland auf den Kopf zu stellen. Wenn es sich als notwendig erweisen sollte, würden wir Selbstmordattentäter in sensiblen Bereichen einsetzen.

Wie Sie wissen, hat es in der Vergangenheit Selbstverbrennungen von Kurden gegeben. Tausende sind dazu bereit. Sobald ich den Befehl erteile, würden überall in Deutschland Dynamitladungen hochgehen.

ZEIT: Damit bestätigen Sie, daß die PKK eine terroristische Vereinigung ist.

Öcalan: Wenn deutsche Behörden tatsächlich nach der Verschärfung des Ausländerrechts Kurden an den faschistischen türkischen Staat ausliefern sollten, werden wir reagieren. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will keine Gewalt, ich will einen Dialog mit der deutschen Politik, mit der Regierung in Bonn. Wenn die Deutschen Probleme haben mit den Kurden, dann müssen sie mit den Kurden, mit der PKK, verhandeln. Die Kurdenfrage ohne Kurden lösen zu wollen, das ist die Politik der Türkei.

ZEIT: Warum eigentlich sollen ausgerechnet die Deutschen die Probleme der Kurden lösen?

Öcalan: Weil eure einseitige Unterstützung der Türkei uns die Luft zum Atmen nimmt. In Deutschland leben 400 000 Kurden. Ihr wollt sie nicht mehr haben? Gut, wir nehmen sie alle wieder zurück.

Aber nicht unter den Bedingungen, wie sie gegenwärtig in der Türkei herrschen. Das ist Faschismus.

ZEIT: Mesut Yilmaz, der neue türkische Premier, hat demonstrativ am kurdischen Neujahrsfest teilgenommen. Er will Kurdisch als Unterrichtsfach zulassen. Das ist doch ein Anfang.

Öcalan: Wir kennen dergleichen Absichtserklärungen der türkischen Regierung. In der Regel behandelt sie die Kurdenfrage so, daß jeder, der nicht ihre Meinung teilt, zum Schweigen gebracht wird.

Wie Layla Zana, die ins Gefängnis kam, weil sie im Parlament gesagt hat, was jeder weiß: daß sie Kurdin ist.

ZEIT: Sie glauben nicht an einen Kurswechsel türkischer Politik?

Öcalan: Ich habe am 15. Dezember einen einseitigen Waffenstillstand verkündet. Anfang März habe ich Heinrich Lummer einen Brief mitgegeben an Mesut Yilmaz. Ich habe keine Antwort erhalten. Ich bedaure das. Ich bin bereit, mit der türkischen Regierung vorbehaltlos Gespräche zu führen. In Deutschland zum Beispiel, in der Schweiz - wo auch immer.

ZEIT: Und was verlangen Sie? Einen kurdischen Staat?

Öcalan: Zunächst einmal fordern wir ein Ende des Ausnahmezustandes in Anatolien, ein Ende der militärischen Willkür und der systematischen Zerstörung kurdischer Dörfer sowie der Vertreibung von Kurden aus ihrer Heimat. Langfristig wollen wir ein Zusammenleben von Türken und Kurden innerhalb eines gemeinsamen föderativen Staates, vergleichbar etwa der Regelung in der Schweiz oder in Belgien.

ZEIT: Die Grenzen der Türkei wollen Sie nicht ändern?

Öcalan: Nein. Separatismus liegt nicht im Interesse der Kurden.

ZEIT: Was ist mit den Kurden im Irak und im Iran und dem Traum von einem gemeinsamen kurdischen Staat?

Öcalan: Auch die Kurden im Irak und im Iran werden sich für eine föderative Lösung innerhalb ihrer jeweiligen Staaten entscheiden.

ZEIT: Wieviel Mann haben Sie unter Waffen?

Öcalan: Ungefähr 15 000.

ZEIT: Und damit wollen Sie die türkische Armee besiegen?

Öcalan: Die türkische Armee nimmt uns sehr, sehr ernst. Sie weiß, daß sie uns mit militärischen Mitteln nicht besiegen kann. Hinzu kommt, daß wir neue Kampfformen vorbereiten, insbesondere Selbstmordkommandos.

ZEIT: Eine persönliche Bemerkung: Sie wirken müde und erschöpft.

Ganz und gar nicht so wie auf den PKK-Plakaten, die einen harten, an Stalin erinnernden Kämpfer zeigen. Sind Sie am Ende Ihrer Kräfte?

Öcalan: Sehen Sie, für die Kurden ist die PKK fast eine Religion.

Als wir vor bald zwanzig Jahren anfingen, hat niemand gewagt zu sagen: Ich bin Kurde. Die Leute haben gezittert vor Angst, wenn sie nur einen türkischen Polizisten sahen. Die PKK hat den Kurden ihren Stolz und ihre Identität wiedergegeben. Ich sehe mich als Führer, in dessen Körper sich das Volk neu zusammengefügt hat.

Ein neuer kurdischer Mensch ist entstanden. Ich bin ein Symbol, durch das eine neue Generation von politischen Führern heranreift.

ZEIT: Ihre Bescheidenheit ist wahrlich überwältigend.

Öcalan: Ich bin in gewisser Weise der Erzieher meines Volkes.

Obwohl ich mich gar nicht als Prophet sehe, werde ich von meinem Volk als Prophet verehrt.

ZEIT: Propheten pflegen allerdings widerspenstige Jünger nicht zu liquidieren.

Öcalan: Das ist ein Mißverständnis. Diese Leute haben sich selbst vernichtet. Sie haben nicht mich angegriffen, sondern das kurdische Volk.

Das Gespräch führte Michael Lüders