Wie für viele Robert-Walser-Leser Carl Seeligs Erinnerungsbuch "Wanderungen mit Robert Walser" längst zum festen Bestandteil des Walserschen Werkes zählt, könnten einmal auch die "Amrainer Gespräche", die Werner Morlang mit Gerhard Meier geführt hat, ein unverzichtbarer Teil des Meierschen Werkes werden. Der langjährige Mitarbeiter des Zürcher Robert-Walser-Archivs hat sie unter dem Titel "Das dunkle Fest des Lebens" als Buch vorgelegt.

Robert Walser war zu Lebzeiten, was man einen Schriftsteller für Schriftsteller nennt, bewundert von Kafka, Musil, Hesse, Walter Benjamin und vielen anderen, aber vom breiten Lesepublikum kaum beachtet. Auch Gerhard Meier, heute der Doyen der Schweizer Literatur, wird bisher am meisten von Schriftstellern geschätzt. So ließ Peter Handke ihn bereits 1979 an dem ihm verliehenen Kafka-Preis partizipieren und führte 1983 auch die Jury an, die Gerhard Meier den renommierten Petrarca-Preis zusprach. Doch allen Preisen zum Trotz ist er immer noch der bekannteste Unbekannte der deutschsprachigen Literatur.

Das hat sicher auch Gründe in der Struktur seines Werkes, das womöglich noch spröder wirkt als jenes des von Gerhard Meier geradezu vergötterten Claude Simon. In seinen fünf Romanen - "Der schnurgerade Kanal" (1977), "Toteninsel" (1979), "Borodino" (1982), "Die Ballade vom Schneien" (1985) und "Land der Winde " (1990) - gibt es weder Mord und Totschlag noch besonders anstößige Spielarten des Sex, es wird in ihnen weder Vergangenheit bewältigt noch Zukunft beschworen, und sie sind auch überhaupt nicht "gut geschrieben". Zudem sind diese Romane in der tiefsten Provinz angesiedelt, an der ihr Autor offenbar auch noch größten Gefallen findet.

Diese Romane "überwältigen" weder, noch "erschlagen" sie den Leser, sie lassen sich auch nicht verschlingen, und vor allem lassen sie sich überhaupt nicht nacherzählen - oder nur so, wie man eine Schubert-Sonate oder ein Cézanne-Bild nacherzählen würde.

Kurz: Gerhard Meier ist der absolute Antipode jenes von Peter Handke einmal als "Lesefutterknecht" apostrophierten Autors, der höchste Erfüllung in der Verfilmung seines Romans findet. Bei Meier zählt nicht der Plot, sondern jeder einzelne Satz, ja jedes Wort, und nie wird bei ihm die Sprache zum bloßen Transportmittel für "Handlungen" oder "Ereignisse" degradiert.

Allerdings sieht Gerhard Meier das pure Dasein ganz alltäglicher und gewöhnlicher Dinge als ereignishaft und erkennt in der immerwährenden Wiederholung unserer einfachsten und selbstverständlichsten Handlungen das innerste Geheimnis des Lebens, dem seine Kunst entsprechen möchte. Meier nennt sich einen "vegetativen" Dichter. In seinem Roman "Der schnurgerade Kanal" ist einmal vom "monochromen Zeitenraum, leicht strukturiert von sogenannten Ereignissen", die Rede,

und es paßt ins Bild dieses quasimonochromen Schriftstellers (der nicht von ungefähr den Maler Mark Rothko bewundert), daß er in seinen Gesprächen mit Werner Morlang aus Flauberts Briefen jene Passage zustimmend zitiert, die das "Buch über nichts" propagiert, ein Buch, "das sich selbst durch die innere Kraft seines Stils trägt, so wie die Erde sich in der Luft hält, ohne gestützt zu werden, ein Buch, das fast kein Sujet hätte oder bei dem das Sujet zumindest fast unsichtbar wäre".