Der Sozialdezernent von Gifhorn, Walter Lippe, gibt sich alle Mühe. Der Christdemokrat kramt in seinem Aktenschrank, durchwühlt Papierhalden und stöbert in Ablagen. Hektisch sucht er nach der Bronzemedaille, die seine Stadt 1991 vom Bundesinnenministerium überreicht bekam: für die "vorbildliche Integration von Aussiedlern".

Schließlich gibt Lippe entnervt auf und schließt die Schranktür: "Kann ich jetzt nicht finden."

Walter Lippe, Stellvertreter des Stadtdirektors, kann mit den Ferndiagnosen seiner Bonner Parteifreunde nicht viel anfangen.

Er rückt seine modische Brille zurecht, streichelt seine bunte Krawatte und zählt lieber "die Fakten" in seiner Gemeinde auf: Von den 43 700 Einwohnern der Kleinstadt an der Aller sind etwa 6300 Aussiedler. Mehr als jeder Zweite, der in Gifhorn Sozialhilfe bezieht, ist Aussiedler. Weil die Aussiedlerfamilien viele Kinder mitbringen, müsse die Kommune Jahr für Jahr einen Kindergarten mit hundert Plätzen bauen.

"Die Verteilung im Land stimmt nicht", findet der Dezernent, der persönlich "keinen Kontakt zu Aussiedlern" hat. Erst seit kurzem schöpft er Hoffnung. "Die Stimmung kippt, auch unter den Aussiedlern", betont Lippe, und für einen Moment durchzuckt ein mühsam unterdrücktes Lächeln seine Mundwinkel: "Viele Aussiedler sagen bereits: Schön, daß wir hier sind. Aber jetzt keine weiteren mehr."

Sehnsüchtig wartet Lippe auf einen amtlichen Bescheid der niedersächsischen Landesregierung. In dem wird stehen, daß Aussiedler ihren Wohnort demnächst zugeteilt bekommen. Und der wird dann nicht mehr Gifhorn heißen. Wer trotzdem kommt, muß - und das ist neu - mit Sanktionen rechnen: etwa mit der Kürzung der Sozialhilfe.

Die amtliche Aussiedlerstatistik begann in Gifhorn 1985: 31 Neuankömmlinge wurden damals registriert. Die Sogwirkung des dreißig Kilometer entfernten Volkswagen-Werks in Wolfsburg ließ den Aussiedlertreck nach Gifhorn länger und länger werden. Hunderte von Familien zogen ab 1988 Freunden und Verwandten nach. Doch seitdem der Konzern Stellen abbaut, ist Arbeitslosigkeit auch in Gifhorn ein Thema.