Unüberhörbar formulierte sich das wache Selbstbewußtsein der gelernten DDR-Bürger: "Wir sind das Volk!" Wenige Wochen später hieß es: "Wir sind ein Volk!" Was wir damals nicht ahnten, war die Tatsache, daß mit der Verwandlung der Losung unter der Hand das Ziel der Demonstrationen und der sich selbstbewußt verändernde Gestaltungswille aufgegeben wurden. Soeben war der Einigungsprozeß eingeläutet worden, dessen Art und Weise Millionen das gerade realisierte Selbstbewußtsein wieder nehmen sollte. Nach vielen Wechselbädern schwanken die Ostdeutschen seither "zwischen antiwestlichen Ressentiments und neuem Selbstbewußtsein".

Darüber schreibt einer, der von Anfang an dabei war: Hans-J. Misselwitz, geboren 1950 in Altenburg/Thüringen, Dr. rer. nat., bis bis 1981 Biochemiker, nach Reservedienstverweigerung Theologiestudium in Berlin, engagiert im von der Stasi besonders verdächtigten Friedenskreis Pankow, 1989 Pfarrer in Henningsdorf, 1990 Abgeordneter der Volkskammer und Parlamentarischer Staatssekretär im Außenministerium der DDR.

Misselwitz ist Betroffener, Beteiligter und Begleiter eines Prozesses, auf den viele von uns sich erst allmählich reflektierend zurückzubeugen in der Lage sehen. Offenbar ist Abstand nötig.

Misselwitz hat als einer der ersten die Sprache so wiedergefunden, daß ich als selbst vielfältig Beteiligter sagen kann: Ja, so war es. Der Autor ist heute Leiter der Landeszentrale für Politische Bildung in Potsdam. Sein Buch ist selbst ein Stück politischer Bildung; nicht papierene Historie, sondern eine Aufforderung an Leserinnen und Leser aus Ost und West. An die aus dem Osten, um sich genau zu erinnern und sich zu lösen aus vielen Fehlinterpretationen und Legendenbildungen, die inzwischen schon um sich greifen. Ermunterung aber auch für westliche Leser, besser zu verstehen, warum viele im Osten das Gefühl umtreibt, Bürger zweiter Klasse zu sein. Unbedachte oder absichtsvolle Urteile vom Hochsitz der Geschichte aus sind nicht hilfreich in der Sache, treffen aber allemal die Menschen.

Noch immer gibt es einen Graben zwischen Ost und West. Die allzu schnell herbeigeholte Rede, daß wir doch gleichermaßen Deutsche seien und ein "Wirtschaftswunder Ost" das Seine schon tun würde, ist untauglicher Geschichtskitt. Misselwitz macht uns darauf aufmerksam, daß wir die vierzigjährige Vergangenheit, die wir in unterschiedlichen Teilen Deutschlands und in unterschiedlichen Blöcken der Welt erlebt haben, endlich als zwei Seiten einer gemeinsamen Geschichte zusammendenken müssen. Den Bürgern im Osten wird derzeit eine gewaltige biographische Verdrängungsleistung zugemutet. Neues Selbstbewußtsein, so der Autor, entsteht, wenn es denn nicht in aufgesetzter Imitation erstarren soll, aber nur da, wo Selbstvergewisserung und die kritische Betrachtung der eigenen Geschichte möglich sind.

Gegen die unhistorische Rede von der Ostalgie nimmt Misselwitz die Leser bei dieser Selbstvergewisserung mit - friedliche Revolution und Systemwechsel, Elitenaustausch, Stasi-Akten und Eigentumsrestitution.

Kein Solo Ost: Ohne die individuelle und kollektive Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist auch die Geschichte der alten Bundesrepublik nicht vorstellbar. Bei allem verhält sich Misselwitz aber keineswegs als Therapeut eines verquälten ostdeutschen Erfahrungskollektivs.