Vierzig Stunden hatten die Berliner Politiker diesmal über die neuen Deckungslücken geredet, zwölf davon nur über den Kulturhaushalt, obwohl der nur zweieinhalb Prozent des Gesamthaushalts ausmacht.

Die gute Nachricht sprachen sie anschließend in Richtung Kamera: Sie hätten ihr Versprechen gehalten und keine Oper, kein Theater und auch sonst nichts geschlossen. Die schlechte Nachricht erhielten die zwölf vom Staat unterhaltenen Bühnen und ein paar andere Kultureinrichtungen gleichzeitig per Fax: Im laufenden Jahr würden die Zuschüsse noch einmal gekürzt, und zwar um 3,4 bis 4 Prozent.

Leider bestand zwischen der guten und der schlechten Nachricht ein unguter Zusammenhang. Er macht, daß auch die gute so gut gar nicht ist. Schwerer nämlich als die Sparverfügung selbst wog etwas, das im Fax der Senatsverwaltung nicht ausdrücklich stand, aber daraus hervorging: daß das sogenannte Theaterfinanzierungskonzept nur noch Makulatur ist.

Diese 1994 vom Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedete Richtlinie war eine Art Bestandsgarantie, die der vormalige Kultursenator unter weidlicher Ausnutzung des allgemeinen Schocks über die Schließung des Schiller-Theaters zugunsten der anderen Bühnen ausgehandelt hatte: sozusagen der höhere Segen, um dessentwillen Berlin sein Staatstheater geopfert hatte. Das Konzept sah vor allem zweierlei vor. Zum einen sollten die Bühnen aus den Fesseln der Kameralistik befreit werden. Der Staat sollte ihnen nicht mehr die Verwendung jeder Mark vorschreiben, nicht mehr alle bei jedem Rechnungsposten etwa erzielten Überschüsse selber einbehalten und alle etwaigen Fehlbeträge dann doch immer ausgleichen. Die vom Staat alimentierten Bühnen sollten auch wirtschaftlich größere Autonomie erhalten, am besten schließlich in der Rechtsform von GmbHs. Zum anderen sollten sie, nach den turbulenten Wende- und Nachwendezeiten, für einige Jahre Ruhe vor weiteren Kürzungen oder Schlimmerem haben - Planungssicherheit lautet das Wort. Daß die nur sehr bedingt bestand, wurde gleich 1995 klar, als Berlin seinen Doppelhaushalt 1995/96 nachträglich zusammenstrich, zusammenstreichen mußte.

Die jetzige dritte Kürzung des Gekürzten macht das Wort Planungssicherheit vollends zu Hohn; und erst recht die Gewißheit, daß sie nicht die letzte bleiben wird. Der Staat hält sein eines Versprechen, nämlich nichts zu schließen, indem er sein anderes bricht.

Er tut es natürlich nicht aus Sadismus. Er ist nur mit seinen eigenen Künsten, Geld auszugeben, das er nicht hat, ans Ende gekommen und schrammt hart am Bankrott entlang. Daß dort, wo überall gespart wird, ausgerechnet die vom Staat veranstaltete Kultur ungeschoren bleiben könnte, bildet sich niemand mehr ein - jedenfalls hätte jemand, der es doch meinen und laut sagen sollte, von der durch finanzielle Katastrophenmeldungen aller Art erschreckten Öffentlichkeit nicht mehr als ein Achselzucken zu gewärtigen.

Die Kultur der verschiedenen schönen Künste ist nicht nur in Berlin in eine Lage geraten, deren Mißlichkeit sich nicht allein in unerfreulich geschrumpften Haushaltszahlen ausdrückt. Vorbei die goldenen Zeiten der vollen öffentlichen Kassen, als die Frage nur die war, wohin vorhandene Mittel fließen sollten. Es war die Zeit der Starfighter-Rechnungen, die Verteilungskonflikte zur Ansichtssache zu machen schienen: Auf wie viele Kampfflugzeuge oder Panzer müßte der Staat nur verzichten, um hier noch ein Museum zu bauen, dort eine Oper auf Weltniveau zu heben?