Was Alkohol mit einem Menschen macht, habe ich erlebt, noch bevor ich recht wußte, wie man Alkohol schreibt. Inzwischen sind zwanzig Jahre vergangen. Jahre, in denen ich glaubte, einigermaßen glimpflich davongekommen zu sein. Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wie tief sich der Alkohol in meine Seele eingebrannt hat.

Ich weiß nicht mehr genau, wann und wo ich zum ersten Mal eine Flasche entdeckte. Steckte sie im Gummistiefel, in einem Aktenordner oder hinter dem Sofa? Ich weiß nur, daß sie mir - wie die vielen leeren Flaschen danach - einen Stich versetzte. Ich war wie gelähmt.

In meinem Bauch tobten Angst und Verzweiflung. Lautlos schrie mein ganzer Körper: Warum? Warum nur?

Mittags, wenn ich von der Schule heimkam, wußte ich oft schon, was mich erwartete. Heulend schimpfte meine Mutter in der Küche vor sich hin, gerade laut genug, daß ich immer wieder ein paar Brocken verstehen konnte: "Was hab' ich denn noch vom Leben?"

Während ich den Tisch deckte, beobachtete ich sie. Fragen quälten mich: Bin ich schuld? Wie kann ich helfen? Wie soll ich das alles aushalten? Wann wird damit endlich Schluß sein?

Am liebsten hätte ich mich in nichts aufgelöst. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören müssen. So wie mein drei Jahre jüngerer Bruder, der sich, sobald dicke Luft war, in sich zurückzog oder aus dem Staub machte. Wie sehr habe ich ihn beneidet! Ich konnte nicht einfach weglaufen. Etwas zwang mich zu bleiben. - Ich klammerte mich an meine einzige Hoffnung: Er muß doch mir zuliebe aufhören!

Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Ich wollte, ich mußte stark sein. Lange verharrte ich still in einer Ecke der Küche. Dann gab ich mir einen Ruck und versuchte, meine Mutter zu umarmen. Aber sie stieß mich ruppig weg: "Wenn ihr nicht wärt, hätte ich schon längst meine Koffer gepackt!"