Über fünfzig Jahre lang lag das Manuskript verborgen in einem Schrank. Jetzt hat sich Marianne Loring entschlossen zu veröffentlichen, was sie, die damals sechzehnjährige Tochter des einstigen Vorwärts-Chefredakteurs Friedrich Stampfer, im Sommer 1941 aufgeschrieben hatte - ein Jahr nachdem sie mit ihren Eltern und Mitgliedern des SPD-Exilparteivorstands (Sopade) vor dem Zugriff der Nazis aus Frankreich geflohen war.

Eine Flucht, die einer Irrfahrt glich. Kreuz und quer durch den Südwesten Frankreichs führt der Weg, begleitet von dem Schreckensruf: "Die Deutschen kommen!" Schließlich landet die Gruppe in der Stadt Castres, dem Geburtsort des französischen Sozialisten Jean Jaurès - in jenem Teil Frankreichs gelegen, den die deutschen Truppen nach dem Waffenstillstand vorerst nicht besetzen. Doch die Angst, von der Vichy-Regierung an die Gestapo ausgeliefert zu werden, ist stets gegenwärtig.

Berichtet wird nicht nur über bürokratische Schikanen französischer Beamter, sondern auch über viel Hilfsbereitschaft einfacher Franzosen, die ihre letzten Lebensmittel mit den Flüchtlingen teilen und ihnen Unterschlupf gewähren. "Gott segne Sie, Mademoiselle Marianne!"

ruft ihr die freundliche Wirtin, Madame Cros, beim Abschied hinterher.

Wenig schmeichelhaft ist, was Marianne Stampfer über das Verhalten der männlichen Reisebegleiter - Rudolf Hilferding, Erich Ollenhauer, Rudolf Breitscheid, Erich Rinner, Curt Geyer und anderer führender SPD-Genossen - niederschrieb. Mit dem kritischen Blick der Heranwachsenden beobachtete sie viele persönliche Schwächen und Unzulänglichkeiten.

Unter dem Druck der extremen Nervenbelastung lockerten sich die Bande der Solidarität; Kleinmut, Zank, Rivalitäten trübten die Beziehungen der Emigranten untereinander.

Dank der Initiative von Frank Bohn vom American Joint Labor Committee, der in Marseille die Flucht gefährdeter europäischer Sozialisten organisierte, erhielten die Verfolgten schließlich im Herbst 1940 Ausreisevisa in die USA. Bis auf Breitscheid und Hilferding, die zurückblieben und bald in die Hände der Gestapo fielen, gelang es der Gruppe, in dem kleinen Ort Cerbère die spanische Grenze zu passieren und sich über Madrid nach Lissabon zu retten. "O Freiheit, erhabene Göttin, möge dein Lächeln wieder den Kontinent erhellen, der jetzt in den Nebeln der Sklaverei begraben liegt!"