Arte, Mittwoch, 10. April, 21.45 Uhr: "Offenbachs Geheimnis", Spielfilm von István Szabó Paris 1857: Im Theater feiert die französische Gesellschaft sich selbst. Vor kaum zwei Jahren, kurz nach der Eröffnung der Weltausstellung, hat Jacques Offenbach ein eigenes Musiktheater gegründet, die Bouffes Parisiens. Seitdem jagt eine Première die andere. Offenbach komponiert in drei Jahren nicht weniger als siebenundzwanzig Einakter, Buffonesken und Pantomimen.

Hinter den Kulissen debattiert der Komponist und Theaterdirektor mit dem Grafen de Morny. Der Graf, Halbbruder des Putschkaisers Napoleon III., ist ein Intrigant und Falschspieler. Er zwingt Offenbach, Anspielungen auf die politische Lage im Land in seiner Operette "Die beiden Blinden" unterzubringen. Die bouffonnerie musicale mit den beiden Bettlern als Protagonisten birgt freilich auch so genug Sprengstoff. In der Pause kommt es unter den im Publikum sitzenden Honoratioren zum Eklat. De Morny feuert Offenbach zu noch größeren Unverschämtheiten an. Anschließend wird jedoch der Drahtzieher selbst zur Zielscheibe frecher Andeutungen der Sänger und stellt den Komponisten wütend zur Rede, worauf dieser nur sibyllinisch lächelt: Offenbachs Geheimnis.

István Szabós jüngstes Opus ist kein Kostümfilm. Dabei böte die Person Jacques Offenbach mit dem Eulenkneifer und den langen Koteletten Stoff für ein halbes Dutzend opulenter Filmfeste. Doch Szabó will es zum Glück anders: Er gibt der Musik den Vorzug und läßt zwei vollständige Offenbach-Einakter (außer den "Blinden" noch "Ritter Eisenfraß") spielen und singen. Die Operettenhandlung ist schwarzweiß vom übrigen Geschehen abgesetzt. Die angedeuteten politischen Ereignisse ranken sich um die Bühnendarstellung, zu sparsam, um verständlich zu werden. Nur kurze Kameraschwenks zeigen die Reaktion des Publikums. Die Person Offenbach bleibt farblos - zugunsten des Komponisten Offenbach. Der Zuschauer wird hineingezogen in die Atmosphäre der legendären Bouffes, und er hört fast 75 Minuten ausgezeichnete Musik.