Sekretäre von Gewerkschaften leben in El Salvador gefährlich.

Das weiß Jorge Amarillo. Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hinter dem riesigen Schreibtisch hin und her. Er mustert den Besucher mißtrauisch und fragt mit eisiger Stimme: "Wo kommst du her? Was, du bist Journalist? Das kann jeder behaupten!" Vor der Tür des Büros steht ein Wachposten.

Erst nach zehn Minuten zähem Palaver und einem Kontrollanruf glaubt Amarillo den Beteuerungen. "Wir müssen vorsichtig sein, denn unsere Gewerkschaft hat viele Feinde. Wir sind umzingelt von Wölfen, von Bestien."

Die Wölfe, das sind für den quirligen Gewerkschaftssekretär Maquila-Unternehmer wie der Koreaner Chi Young Lee. Dieser prahlt damit, daß er in seiner Firma bisher jede Gewerkschaft unterbunden habe. Chi Young Lees Firma liegt in einer der freien Produktionszonen El Salvadors.

Dort können Unternehmen produzieren, ohne Steuern und Zölle zu bezahlen. Maquiladora nennen die Lateinamerikaner solche Exportindustrie.

Die Arbeitssituation in den zum größten Teil in der Textilbranche tätigen Unternehmen hat etwas Frühkapitalistisches. Durch hohe Mauern und Zäune abgeschirmt, wirkt das Innere der Produktionsstätten wie die Kulisse eines Films über den Manchester-Kapitalismus: Dicht gedrängt sitzen Hunderte von Arbeiterinnen an Nähmaschinen in einer vor Hitze dampfenden Halle, in einem kleinen Mittelgang gehen Aufseher auf und ab. Sie kontrollieren das Tempo der Näherinnen, Pöbeleien und Schikanen sind an der Tagesordnung.

"Die Arbeit ist mörderisch", berichtet die ehemalige Maquiladora-Arbeiterin Rosa Morales. Morales arbeitete in der Maquiladora Autrán Zacarias im salvadorianischen Santa Tecla. "Sie verlangen ein Arbeitspensum von 1400 Kleidungsstücken pro Tag. Wer das nicht in den acht Stunden Arbeitszeit schafft, muß weiterarbeiten, um überhaupt die sechs Mark Tageslohn zu verdienen." Als Morales um ihr Salär betrogen wurde, gründete sie mit anderen Frauen zusammen eine Betriebsgewerkschaft. Daraufhin wurde sie entlassen. Seitdem arbeitet sie in der Organisation von Maquila-Arbeiterinnen. "Eine mühsame Arbeit", stöhnt Morales. Die Maquiladora-Arbeiterinnen haben große Angst, sich zu organisieren, denn "in der Regel wird sofort die gesamte Belegschaft entlassen, wenn wir Gewerkschaftsausweise ausgeben". Aber diese Arbeitsbedingungen seien einfach nicht auszuhalten, fährt sie fort. "Manche Frauen arbeiten bis zu 21 Stunden, um ihr Pensum zu schaffen." Teilweise schlafen sie danach noch zwei Stunden unter den Maschinen, denn um sieben Uhr morgens beginnt die nächste Schicht. Schikanen schwächen die überlasteten Arbeiterinnen zusätzlich. Viele Frauen sind krank. Sie haben Nierenschmerzen, Infektionen der Harnwege, Bronchitis.