Seit Jahren boomt der Fahrradtourismus. Langsam, aber stetig ist das emissionsfreie Reisen auf zwei Rädern zu einem nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor geworden.

Jeder fünfte Deutsche steigt im Urlaub auf das Fahrrad, sei es zu einem kurzen Ausflug rund um den Ferienort oder zu einer mehrtägigen Tour quer durch Deutschland und andere Länder. In den Alpen oder beispielsweise auf Mallorca strampeln immer mehr Mountainbiker bergauf und bergab. Für rund drei Prozent aller Urlauber ist das Rad sogar das Hauptverkehrsmittel in den Ferien. Damit hat das vor wenigen Jahrzehnten noch verpönte Fahrrad die Transportmittel Schiff, Wohnmobil und Motorrad überholt.

Die Einnahmen aus dem Radtourismus sind aus den Etats etlicher Kommunen und Ferienregionen gar nicht mehr wegzudenken. So gaben beispielsweise die radelnden Urlauber in Schleswig-Holstein im Jahr 1992 die respektable Summe von 1,2 Milliarden Mark aus. Und mehr als eine Million Übernachtungen im Münsterland, immerhin ein Drittel der Gesamtzahl, entfallen auf die Pedalritter.

Auf einer Veranstaltungsreihe zum Fahrradtourismus, die der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) kürzlich in Berlin durchführte, warnte Professor Albrecht Steinecke vom Europäischen Tourismusinstitut in Trier allerdings davor, die Erfolgszahlen zu verallgemeinern: "Es handelt sich um Ergebnisse von Fallstudien zu ausgewählten Zielgebieten des Radtourismus, die nur eine begrenzte Aussagekraft haben und sich nicht immer auf andere Regionen übertragen lassen."

Insgesamt wiese die Forschung zum Radtourismus noch erhebliche Defizite auf, so Steinecke.

Defizite und Versäumnisse gebe es nicht nur in der Forschung, bemängelt der ADFC. Zwar würden in Deutschland über 170 ausgeschilderte Radfernrouten mit einer Gesamtlänge von über 35 000 Kilometern existieren, aber die Entwicklung dieser Distanzstrecken verliefe völlig unkoordiniert. "Es gibt keinen einzigen wirklich vorzeigbaren Fernweg, der ein gutes touristisches Produkt darstellt", meint der ADFC-Vertreter Thomas Froitzheim.

Die Kritik richtet der ADFC auch an die Deutsche Bahn AG. Die Zeiten, als die Bundesbahn das Angebot für Radtouristen immer weiter einschränkte, sind zwar vorbei, aber in der Hochsaison reichen die vorhandenen Stellplätze für Fahrräder in den Zügen bei weitem nicht aus. Ohne mehrmonatige Vorreservierung geht im Sommer für die Radler bei der Bahn nichts. Auch die modernen ICEs bleiben für Radurlauber weiterhin verschlossen. "Bei der Bahn ist man immer noch der Meinung, ein Fahrrad sei ein häßlicher, schmutziger Gegenstand und die Benutzer arme Schlucker, die sich einen ICE sowieso nicht leisten können", interpretiert Frank Hofmann vom ADFC die Fahrradpolitik der Deutschen Bahn.