Die ersten Ergebnisse der diesjährigen Tarifrunde liegen auf dem Tisch. In der Chemieindustrie einigten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber auf 2 Prozent mehr Lohn und Gehalt, für die Beschäftigten der Textil- und Bekleidungsindustrie gibt es nur 1,5 Prozent. Beide Vereinbarungen orientieren sich an der Inflationsrate und bringen real kein Plus in die Portemonnaies der Mitarbeiter. Dafür aber sichern sie die Beschäftigung oder - so jedenfalls die Hoffnung in der Chemie - schaffen sogar neue Arbeitsplätze.

Dem Personalabbau soll überdies ein Riegel vorgeschoben werden, indem Überstunden reduziert und die Mehrarbeit in Freizeit umgewandelt wird. Das senkt nicht nur die Einkommen der Kollegen, sondern auch die Kosten der Unternehmen. Ähnliche Abkommen gibt es seit kurzem bei der Bahn und in der westdeutschen Stahlindustrie. Überstundenabbau zugunsten von Beschäftigung ist also durchaus machbar. Nur die Metallunternehmer schlagen ein solches "Bündnis für Arbeit" bisher als unrealistisch aus.

Kompromisse sind freilich nur möglich, wenn sich die Tarifparteien Vertrauen entgegenbringen. Ohne großes Getöse haben Gewerkschaften und Arbeitgeber der unterschiedlichsten Branchen in diesen Tagen vorgemacht, daß der Solidarpakt selbst in schwierigen Zeiten möglich ist. Wille zur Zusammenarbeit muß indes nicht nur zwischen den Verhandlungsführern bestehen. Auch innerhalb der beiden Lager ist die Bereitschaft zum Ausgleich gefordert. Schwer zu schlucken haben etwa die Beschäftigten der Chemieriesen an den mageren Einkommensverbesserungen.

Ihre Konzerne fuhren im vergangenen Jahr Rekordergebnisse ein und zahlen den Aktionären üppige Dividenden. Auch auf der Unternehmerseite ist Solidarität gefragt. In der chemischen Industrie gibt es immerhin etwa 1600 Betriebe, die längst nicht alle so gut dastehen wie die großen Drei und mit Tarifflucht ebenso liebäugeln wie die Firmen in anderen Branchen. Doch den Chemiearbeitgebern gelingt es offenbar besser, sie im Verband zu halten und damit der Krise des Flächentarifvertrags zu begegnen.

Die jüngsten Vereinbarungen machen Mut. Zwar ist die Tarifrunde dieses Jahres, die angesichts von Rekordarbeitslosigkeit und anhaltendem Konjunkturtief als eine der schwierigsten in der Nachkriegsgeschichte gilt, noch längst nicht beendet. Im öffentlichen Dienst und in der Baubranche, bei Banken und Versicherungen, in der Druckindustrie und im Einzelhandel sind die Positionen noch meilenweit voneinander entfernt. Doch die Forderungen der Gewerkschaften, die zwischen 4,5 (öffentlicher Dienst) und 6 Prozent (Versicherungen) liegen, sind nach aller Erfahrung nicht das letzte Wort der Arbeitnehmervertreter.

Das Abkommen in der chemischen Industrie, wo die Gewerkschaft mit dem Wunsch nach einem Einkommenszuwachs von 6 Prozent startete, zeigt den Verhandlungsspielraum. Freilich wird diese Praxis immer fragwürdiger. Derartige Mondzahlen schüren nur die Erwartungen der Mitglieder. Dabei zeigen die häufig mehr Vernunft, als die Funktionäre meinen. Darf man einer Umfrage des Bundesverbands Deutscher Banken glauben, sind sie zum großen Teil sogar zu deutlichem Lohnverzicht bereit.

Mut machen die Abschlüsse dieser Tage aber auch, weil sie sich durch eine neue Flexibilität auszeichnen. Stillschweigend räumten die Gewerkschaften festgefahrene Positionen, die den Bewegungsspielraum der Betriebe bisher einengten. Arbeitszeitkonten, mit deren Hilfe die Maschinenlaufzeiten erheblich ausgeweitet wurden, Abbau von Mehrarbeitszuschlägen, Sonntagsarbeit in schwierigen Bereichen der Textilbranche - das alles waren Tabus der Gewerkschaften, von denen sie jetzt ohne großes Federlesen abrückten. Selbst Öffnungen der Tarifverträge sind mittlerweile an der Tagesordnung. Sie betreffen Notsituationen der Betriebe ebenso wie Langzeitarbeitslose oder Auszubildende, die mit niedrigeren Einstiegstarifen eine Chance im Berufsleben bekommen.