KÖLN. - Kleine Länder wie Bulgarien werden von den deutschen Medien sehr wenig beachtet. Aber nicht nur dieser Mangel verursacht interkulturelle Mißverständnisse. Zwischen den journalistischen Diskursen "hier" und "da" klafft manchmal auch eine unüberbrückbare Kluft.

Neulich erhielt ich einen Brief von einem (deutschen) Bekannten, der als Deutschlehrer in Bulgarien arbeiten will. Gründlich und fleißig wollte er sich auf die neue Arbeit vorbereiten. Monatelang hat er dafür die dürftigen Bulgarien-Meldungen aus der hiesigen Presse ausgeschnitten. Er war aber so erschrocken von dem Ergebnis, daß er plötzlich an seinem Vorhaben zu zweifeln begann. "Ist es tatsächlich so schlimm da unten?" schrieb er. "Nichts als Kriminalität, Affären, Bandenkriege und kommunistisch-nationalistische Ressentiments.

Es ist ja mehr als bedrückend, was in den deutschen Zeitungen steht. Ich kann daraus überhaupt nicht klug werden."

Nun, so schlimm ist es nicht "da unten". Nur: Wie soll man das einem objektivitätsbesessenen Bürger der westlichen/nördlichen Informationsgesellschaft erklären? Wie kann man die seltsame Mixtur aus Armut und südlichem Lebensgefühl, aus hohen Verbrechensraten und erstaunlich vitaler Kultur, aus Politik und Privatleben auf dem Balkan in der richtigen Proportion für den deutschen Geschmack zusammenschütteln? Eine hoffnungslose Aufgabe, an der sogar einer wie Peter Handke mit "Gerechtigkeit für Serbien" angeblich gescheitert sein soll ...

Es ist aber nicht nur das begrenzte Interesse der Medien (auch der ZEIT) an kleinen Ländern wie Bulgarien, was meinen Bekannten nicht klug werden läßt und was der Objektivität schadet. Dazu tragen auch die kulturell verschiedenartigen Vorstellungen von Information und Berichterstattung bei. Das bekomme ich als Grenzgänger zwischen zwei journalistischen Diskursen jeden Tag deutlich, ja schmerzhaft zu spüren. Seit einiger Zeit versuche ich nämlich, mein eigenes Archiv zum Schwerpunkt Bulgarien aufzubauen.

Während dieser eher langweiligen Tätigkeit bin ich auf ein bemerkenswertes Problem gestoßen: Die Zeitungsausschnitte aus bulgarischen Quellen sind kaum unter genauen Rubriken einzuordnen.

Nehmen wir zum Beispiel die sogenannte Getreidekrise. Im Sommer 1995 hatte der sozialistische Ministerpräsident Widenow den Exportstopp für Weizen aufgehoben. Die Folge: Versorgungsengpässe und eine enorme Steigerung der Brotpreise in Bulgarien. Damit aber nicht genug. Es stellte sich heraus, daß sowohl die Weizenexporte als auch die inzwischen erforderlichen Getreideimporte Handelsunternehmen und Banken zugute kamen, die der Sozialistischen Partei nahestehen.